Altkatholikin


6 mal 8

Warum die
Synode der Altkatholischen Kirche Österreichs
es für möglich hält, gleichgeschlechtliche Partnerschaften,
die auf Dauer angelegt sind, zu segnen:

Ein Beitrag von Bischof Bernhard Heitz:

  • weil konkrete Menschen und Anfragen in unserer Kirche den Anstoß für den synodalen Prozeß und die Entscheidung gegeben haben,
  • weil wir dazu beitragen möchten, daß homosexuell liebende und lebende Menschen (auch Amtsträger) in unserer Kirche angenommen werden,
  • weil wir mithelfen möchten, daß gleichgeschlechtliche Partnerschaften auch gesellschaftlich angenommen und staatlich geschützt werden (Besuchsrecht am Krankenbett, Auskunftspflicht von Ärzten, Erb-, Wohnrecht u.ä.),
  • weil uns der Glaube verpflichtet, für Menschen am Rande, die der Hilfe und des Heiles Gottes bedürfen, den Weg des Evangeliums zu suchen (ebenso wie für solche, deren Ehe zerbrochen ist und die wieder heiraten, für Alleinerziehende u.a....),
  • weil Gott die Liebe und in jeder menschlichen Liebe anwesend ist (1 Kor 13),
  • weil die Frucht der Liebe immer nur die Liebe ist, ("Hohes Lied der Liebe"),
  • weil es um liebende Menschen geht in gegenseitiger Zuneigung, mit Freude aneinander und in gegenseitiger Annahme, Verantwortung und Rücksichtnahme,
  • weil die Liebe mehr ist als Sexualität, diese aber zum ganzheitlichen Ausdruck menschlicher Liebe gehört,
  • weil alle Menschen - ob Homosexuelle, Heterosexuelle oder Zölibatäre - Gottes geliebte Kinder sind,
  • weil "Liebe" nicht auf sexuelle Vorstellungen oder Praktiken reduziert werden darf,
  • weil keine Macht der Welt die Liebe verbieten kann,
  • weil die Kirche den Geist Jesu verläßt, wenn sie Sexualität als Schöpfungsgabe Gottes tabuisiert und die Homosexualität nur im Kontext des Mißbrauches sieht,
  • weil Mißbrauch der Sexualität nichts mit Liebe zu tun hat (Sexuelle Ausbeutung von Kindern, Gewalt gegen Ehepartner, sexuelle Übergriffe auf Abhängige, Pornographie, Prostitution, Perversion...) und das Böse durch das Gute überwunden werden muß,
  • weil die Würde und der Wert der Liebe nicht davon abhängig ist, ob daraus menschliches Leben (proles) hervorgeht,
  • weil Sexualität von allen Menschen, seien sie zölibatär lebend oder heterosexuell bzw. gleichgeschlechtlich liebend, verantwortlich und personal gelebt werden muß,
  • weil die Humanwissenschaften von einer Gegebenheit der Veranlagung/Prägung/Orientierung sprechen, die nicht einfach frei gewählt oder willentlich umgekehrt werden kann,
  • weil etwa fünf Prozent der Menschen (nachgewiesen in allen Völkern und Kulturen und zu allen Zeiten) gleichgeschlechtlich empfinden und heute auf ein Signal der Ermutigung und auf den Abbau von Vorurteilen hoffen,
  • weil Urteile wie "widernatürlich", "pervers", "krank" humanwissenschaftlich nicht haltbar sind,
  • weil wir im innerkirchlichen Zusammenhang nur die ausschließliche, echte bzw. Neigungshomosexualität meinen, nach welcher sich jemand sein Leben lang zu einem Menschen des eigenen Geschlechts hingezogen fühlt (nicht gemeint ist die entwicklungsbedingte oder situationsbedingte Form der Homosexualität),
  • weil Altkatholiken immer offen waren für die Ergebnisse der modernen Wissenschaften (Psychologie, Medizin, Biologie, Soziologie) und diese in ihrem theologischen und innerkirchlichen Gespräch berücksichtigt haben,
  • weil es sich - entgegen allen gängigen Vorurteilen, Erklärungsversuchen und Entstehungstheorien - um ein vielfältiges Phänomen handelt, das sich einer Beurteilung als "in jedem Fall sündhaft" entzieht,
  • weil alle Menschen für ihr Zusammenleben im Alltag den Segenszuspruch Gottes brauchen,
  • weil Menschen, die um einen Segen bitten, nicht weggeschickt werden können,
  • weil Segen das äußere Zeichen der inneren Zuwendung Gottes an den Menschen ist,
  •  weil die Zustimmung zu einer erbetenen kirchlichen Segnung als Lebenshilfe und im Sinne eines "Bewältigungsritus" verstanden wird, der Identitätsfindung dient und so zu einem Zeichen menschlicher Verläßlichkeit wird,
  • weil der Segen zutiefst die Zusage Gottes an den Menschen bedeutet, in der Perspektive der Hoffnung und Versöhnung leben zu dürfen,
  • weil jede menschliche Lebensform eine ihr gemäße "Initiation" erfordern kann bzw. braucht, um auch zum Segen für andere zu werden,
  • weil sich im Segen Gott selber dem Menschen zuwendet und ihm sein Heil verheißt,
  • weil die einschlägigen biblischen Stellen (Lev 18,22; 20.13; Gen 19,4-11; Ri 19,22-26; 1 Kor 6,9-11; 1 Tim 1,10; Röm 1,26-27) in historisch-kritischer Bibelexegese nichts zu gleichgeschlechtlicher Liebe sagen,
  • weil die Bibel die Liebe von zwei Frauen überhaupt nirgends erwähnt,
  • weil Jesus nie von Sexualität, aber immer von Liebe spricht,
  • weil Jesus sich zum Ärgernis vieler Zeitgenossen den Ausgegrenzten und Ausgesetzten liebend zugewandt hat und wir ebenso handeln müssen,
  • weil es nach dem Zeugnis der Schöpfungsgeschichte für keinen Menschen gut ist, allein zu leben (Genesis),
  • weil nichts Geschöpfliches bzw. in der Schöpfung Gegebenes und Menschliches von vorne herein "in sich" schlecht sein kann, sondern alles vielmehr geheiligt wird, wenn es mit Dank und Gebet angenommen wird (1 Tim 4,1-4),
  • weil die Weisungen in Levitikus (Kapitel 17-26, Heiligkeitsgesetz) den Sinn haben, die Religion Israels vor Einflüssen fremder Kulte (Fruchtbarkeitskulte, "Greuel" = Götzendienst) zu schützen und in ihnen die personale Liebe zwischen Menschen gar nicht in den Blick kommt,
  • weil es im Buch Genesis (19,4-13) in erster Linie um den Schutz des im Orient heiligen Gastrechtes geht, während die beiden Töchter Lots sein Besitz waren und er sie deshalb als "Ersatzgabe" anbieten kann (vgl. auch Ri 19,22-26),
  • weil die neutestamentlichen Aussagen (Röm 1,26-27, 1 Kor 6,9-10 und 1 Tim 1,9-10) vor ungeordneten, willentlichen Begierden, Lastern und Perversionen des Menschen (Lasterkatalog)  angesichts der Wirklichkeit in der damaligen griechischen Welt warnen und so handelnde Menschen zur Umkehr auffordern, aber nichts von einer unumkehrbaren Veranlagung wissen,
  • weil antike Vorstellungen und Praktiken in der griechischen und außerisraelitischen Welt (z.B. Knabenliebe) nicht unserer Kultur entsprechen und eine Wiederkehr dieser kulturell bedingten Auffassungen heute nicht gegeben ist,
  • weil homosexuelles Verhalten im Alten Testament und Neuen Testament als Teil des Kultes fremder Götter und anderer heidnischer Kulturen abgelehnt oder als Strafe Gottes, die über ursprünglich heterosexuelle Menschen verhängt ist, gesehen wird, während partnerschaftliche Liebe in den angeführten Zusammenhängen nicht thematisiert ist,
  • weil in der Frage der Homosexualität ein direkter Rückgriff auf die Bibel nicht möglich ist und sich uns Heutigen das Problem völlig anders darstellt,
  • weil die Heilige Schrift von solcher Veranlagung nichts weiß, sondern von homosexueller Praxis an sich heterosexueller Männer spricht,
  • weil in der Bibel vielmehr isolierte Sexualität Mißbrauch ist und zur sündhaften Verfehlung führt (z.B. Vergewaltigung als Demütigung von Frauen und Männern und homosexuelle Praktiken heterosexueller Männer),
  • weil historische Normativsetzungen, z.B. der Ehe "als Fessel sexueller Begierde" (Augustinus) oder als "Liebesverhältnis" verstanden (Romantik) - in analoger Weise - andere Partnerschaftsformen heute nicht einfach wertlos macht und in einem anderen Licht erscheinen läßt,
  • weil Sexualmoral dem Wandel der Zeiten unterworfen ist und jeder Mensch auf Grund seiner Würde ein Recht auf seine sexuelle Identitätsfindung hat,
  • weil Menschen immer auch Lernende sind und erfüllte Beziehungen zwischen Menschen vielfältig gelingen können,
  • weil niemand wegen seines Geschlechtes oder wegen seiner geschlechtlichen Prägung bzw. Orientierung oder Veranlagung diskriminiert werden darf,
  • weil gleichgeschlechtlich liebende Menschen in Konzentrationslagern umgebracht worden sind und die vorhergehende Diskriminierung der Auslöser für ihre Ermordung war,
  • weil damit der Anfang vom Ende einer Diskriminierungsgeschichte theologisch und kirchlich eingeleitet wird.


Literatur: Peter Bürger, Da war unser Mund voll Lachen, Eigenverlag Düsseldorf 1996 (Mit Segensformularvorschlägen aus dem europäischen Kontext)
 Deutsche Texte (Altkatholisches Heft für die Gemeindearbeit), Österreichische Texte (Altkatholische Dokumentation der Diskussion 1992-1994), EKD-Texte, Dokumente der Evangelischen Kirche Österreichs (u.a. Synodenentscheidungen, Amtsblatt Dezember 1997) u.a.

+ B. Heitz
Bischof