Altkatholikin


Katholisch - ein altes Wort neu gesehen

Gelegentlich wird darüber diskutiert, ob sich die alt-katholische Kirche nicht besser umbenennen solle, da der Name »alt-katholisch« heutzutage immer wieder zu Mißverständnissen führe.

In der Tat, die alt-katholische Kirche könnte sich christkatholisch (wie in der Schweiz; Anm.d.Red.), reformkatholisch, freikatholisch oder wie auch immer nennen. Der erste Teil der Selbstbezeichnung könnte auch durch manche anderen Begriffe ersetzt werden. Unaufgebbar dagegen ist der zweite Bestandteil unseres Namens, das »katholisch«.

Laut Meinungsumfragen verbinden die Menschen im deutschen Sprachraum mit dem Begriff »katholisch« nicht viel Gutes: »katholisch« das heißt für sie rückständig, in sich abgeschlossen, eng, unbeweglich, autoritär bzw. autoritätshörig, sich nach außen hin abgrenzend. Diese Einschätzung wurzelt darin, daß man mit »katholischer« Kirche gemeinhin die römisch-katholische, also die dem Papst unterstehende Kirche meint.

Dabei wird jedoch übersehen, daß sich auch andere Kirchen, etwa die orthodoxen, die anglikanischen und die alt-katholischen, im Glaubensbekenntnis einmütig zur »einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche« bekennen. ohne sich freilich mit diesem Bekenntnis dem Papst und seinen universalen Hoheitsansprüchen oder gar dem Glaubenssatz von der päpstlichen Unfehlbarkeit unterwerfen zu wollen. Selbst evangelische Kirchen hört man gelegentlich das Bekenntnis zur »einen, heiligen, katholischen« Kirche aussprechen (z.B. in der gemeinsamen Feststellung von EKD, Bund Evangelischen Kirchen der DDR und der Kirche von England im Jahre 1988).

Katholisch

Was heißt denn eigentlich »katholisch«? In der alt-katholischen Kirche wird als Antwort auf diese Frage gern ein Satz von Vinzenz von Lerin, einem südfranzösischen Priestermönch aus dem Anfang des fünften Jahrhunderts, zitiert: »Was überall, was immer, was von allen geglaubt worden ist, das ist in Wahrheit und eigentlich katholisch«. Das scheint sehr klar und einleuchtend. Katholisch ist demnach eine Kirche, die sich auf die Heilige Schrift bezieht, die die Glaubenswahrheiten der ersten, ökumenischen Konzilien festhält und das sakramentale Leben bewahrt, wie es die Kirche in den ersten drei, vier Jahrhunderten pflegte.

Das hört sich einfach an. Aber es muß die Frage gestattet sein: Hat es eine solche katholische Kirche jemals gegeben? Hat es nicht in Wahrheit fast zwei Jahrhunderte gedauert, bis feststand, welche Schriften wirklich »Heilige Schrift« sind? Hat es nicht in Wahrheit Jahrhunderte und viele Kämpfe gebraucht, bis das entstand, was wir heute so selbstverständlich als ökumenische Glaubensbekenntnisse beten? Und ist es nicht eigentlich zu allen Zeiten der Christenheit immer ein wenig strittig gegewesen, was mit den Sakramenten ist: Was überhaupt ein Sakrament sei, ob es deren sieben gebe oder nur zwei oder drei, oder ob es zwei wichtigere gebe und fünf unwichtigere, ob sie wirklich alle biblisch begründbar sind, wo doch nachweislich in den ersten Jahrhunderten ein von der Taufe losgelöstes Firmsakrament nicht existiert hat und man andererseits doch im Mittelalter der Meinung sein durfte, die Königssalbung sei ein Sakrament. War es nicht im Gegenteil so, daß immer gerade dann, wenn ein Teil der Kirche dachte, man habe nun eine Sache definiert, d.h. umgrenzt, klar und eindeutig beschrieben daß dann ein anderer Teil der Kirche sagte: Nein, mit uns nicht, so nicht!?

War es nicht vielmehr so, daß jede Definition sogar die Kirchen, die sich an ihr beteiligt hatten, dazu verleitete, sich vom rechten Weg abzuwenden? Hat nicht die römisch-katholische Kirche über Jahrhunderte in ihrer Praxis die Bibel völlig vergessen und das Traditionsprinzip nur noch dort angewandt. wo es ihr zur Begründung schon vorgefaßter Lehren passend schien? Haben nicht die Kirchen der Orthodoxie in ihrer Frömmigkeitspraxis den Ikonen einen quasisakramentalen Charakter beigemessen? Haben nicht die Kirchen der Reformation teilweise das sakramentale. ja das ganze religiöse Leben vernachlässigt und den biblischen wie den in den Glaubensbekenntnissen dokumentierten Glauben zu einem Opfer schriftgelehrter Seziertechnik werden lassen? Wo war denn in all den Jahrhunderten die katholische Kirche des Vinzenz von Lerin?

Eine Antwort könnte lauten: Es hat dieses Idealbild von Katholizität nie gegeben. Eine andere Antwort aber könnte auch lauten: Es hat die katholische Kirche immer und überall gegeben. Beide Antworten sind in gewisser Weise richtig.

Antworten

Zur ersten Antwort: Die ideale katholische Kirche im Sinne des Vinzenz von Lerin hat es geschichtlich nie gegeben: Nie hat es für alle Christen immer und überall festgestanden, was zu glauben war und was geglaubt wurde. Erst recht hat es nie eine Kirche in der Kirchengeschichte gegeben, in deren Praxis immer und überall an der Wertschätzung der Heiligen Schrift, der alten Glaubensbekenntnisse und des sakramentalen Lebens gleichermaßen festgehalten worden wäre.

Immer hat man wechselweise das eine hoch- und das andere geringgeschätzt, das eine getan und das andere gelassen.

Vorstellungen

In manchen Köpfen, auch bei manchen Alt-Katholiken, findet sich bisweilen die Vorstellung, es gäbe so etwas wie ein katholisches Depositum fidei, eine Art festverschlossenen Koffer, in dem alles drin sei, was in Wahrheit katholisch ist. Dieser Koffer sei spätestens 1870 der römisch-katholischen Kirche aus der Hand geglitten, als das verhängnisvolle Unfehlbarkeitsdogma kam, und von da an der alt-katholischen Kirche übertragen worden. Als Beleg für diese Vorstellung wird gern die Aussage der alt-katholischen Väter angeführt: »Wir bleiben die nämlichen Katholiken, die wir vor 1870 waren«.

Zum Glück sind aber wir Alt-Katholiken nicht dieselben Katholiken geblieben, die wir etwa 1869 noch waren:

Sonst hätten wir nämlich nicht die Spur einer synodalen Verfassung, in unseren Gottesdiensten würde noch Latein gesprochen, unsere Priester lebten noch im Zölibat und von Frauenordination gäbe es keine Spur; von vielen kleinen Veränderungen, die aber das Bewußtsein ebenso geprägt haben, ganz zu schweigen. Es hat eben diesen verschlossenen Katholizismuskoffer nie gegeben, oder mindestens, er hat nie eindeutig bei dieser oder jener Kirche gestanden.

Dynamik

Doch die zweite Antwort ist auch richtig: Es hat die katholische Kirche immer und überall gegeben.

So wenig man festschreibend sagen kann: Nur die römische Kirche ist die wahre katholische, nur die orthodoxe oder alt-katholische ist die wahre katholische Kirche, so sehr ist doch wahr: Es hat in allen Kirchen, auch in den Kirchen der Reformation, immer wahrhaft katholische Menschen gegeben, Menschen, die ihr Christsein aus der Verbindlichkeit von Bibel, dem gemeinsamen Bekenntnis und der Fülle des sakramentalen Lebens entfaltet haben. »Katholisch« ist im eigentlichen Sinne kein konfessionell eingrenzendes Wort (wie es allerdings die römische Kirche gern gebraucht), kein »Koffer«-Wort, kein besitzbeschreibendes Etikett, sondern ein Wort, das eine Beziehung ausdrückt, ein eigentlich sehr dynamisches, weites, offenes Wort:

Kata heißt: bezogen auf etwas, holon heißt: das Ganze -

»katholische« Kirche, das ist nicht bloß die allgemeine Kirche (selbst »allumfassende« Kirche ist problematisch übersetzt), sie ist die auf das Ganze, d.h. auf alle und alles bezogene Kirche. Sie bezieht sich auf das Ganze des christlichen Lebens, auf das Ganze der Christenheit in ihrem Bemühen um schriftgemäße Spiritualität, gemeinsames Bekennen und auf das vielfältige Ganze der göttlichen Heilszeichen in Geschichte, Gegenwart und Zukunft.

Auftrag

Wenn wir uns katholisch nennen, dann steckt in dieser Selbstbezeichnung ein ungeheuer dynamischer Auftrag, ein Auftrag, der so weit ist, daß er unsere alt-katholische Kleinheit fast überfordert, ein Auftrag, der uns trotz dieser Kleinheit aber zugleich eine unendliche Weite und Verflochtenheit schenkt.

Oft werden wir Alt-Katholiken gefragt, wie wir »als Katholiken« es mit unserem Selbstverständnis hätten vereinbaren können, mit den evangelischen Kirchen in Deutschland im Jahre 1985 gegenseitige Gastfreundschaft bei der Eucharistie zu beschließen. Eben diese Vereinbarung ist aber gerade kein Akt gegen unsere Katholizität; sie geschah vielmehr wegen unserer Katholizität. Unsere Bezogenheit auf das Ganze der Kirche, auf die Gesamtheit der Getauften verpflichtet uns zu solcher Weite. Darum wurde diese Vereinbarung auch nach 1985 trotz massiver Kritik von außen immer wieder bestätigt. Nicht wir Alt-Katholiken begeben uns der Katholizität, wenn wir mit anderen Kirchen Vereinbarungen abschließen. sondern diejenigen, die wieder neue Mauern und Grenzen aufrichten wollen.

Auch intern gilt für uns Alt-Katholiken: die Katholizität unserer eigenen kirchlichen Ordnungen und Satzungen erweist sich nicht darin, daß ein einzelner Amtsträger über alle anderen Kirchenmitglieder zu befehlen und diese ihrerseits dann nur noch zu gehorchen hätten. Im Gegenteil: Es ist unsere katholische Weite, die uns dazu verpflichtet, jedes Mitglied der Kirche zur Mitverantwortung und Mitentscheidung einzuladen, zu ermuntern und zu bevollmächtigen. Nur ein Kirchenrecht, das hierfür Raum schafft, ist erst ein auf alle bezogenes (= katholisches) Kirchenrecht.

Apostolische Sukzession

Die alt-katholische Kirche hält bei aller Offenheit im Umgang mit anderen Kirchen treu an der sogenannten »apostolischen Sukzession«, also an der Weitergabe der kirchlichen Dienste von Bischof/Bischöfin, Priester(in) und Diakon(in) durch Handauflegung und Gebet fest. Wir wissen wohl, daß es die Über- und Unterordnung dieser Ämter im Laufe der Kirchengeschichte nicht immer im heutigen Sinne gegeben hat. Dies gilt nicht nur für die ersten hundert Jahre der Ur- und Frühkirche; noch weit über das Mittelalter hinaus siond Fälle bekannt, wo Priester und Diakone unbeanstandet von anderen Priestern und nicht von einem Bischof geweiht wurden. Trotz dieser Unsicherheiten in der Geschichte ist jedoch die apostolische Sukzession nach alt-katholischer Auffassung ein wichtiger ganzheitlicher Akt: Sie bindet die Dienste in der Kirche auf sakramentale Weise in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hinein.

Aber die apostolische Sukzession ist nicht das einzige, was die Katholizität der kirchlichen Dienste ausmacht.

Ebenso wichtig ist die Erkenntnis, daß das Bischofsamt und die anderen Ämter keine im luftleeren Raum einer bloß magisch oder juridisch verstandenen Bevollmächtigung, Verbeamtung zu sehen sind, sondern daß sie nur dann einen Sinn haben, wenn sie sich im Spannungsfeld der Kirche, der Gemeinde wissen. So, wie der Priester katholisch in der Spannung der Gemeindecharismen, der in der Gemeinde vorhandenen göttlichen Gnadengaben, Talente, steht, nicht isoliert obendrüber schwebend, sondern mit einem seismographischen Spürsinn bemüht, herauszufinden, was Gabe in der Gemeinde ist, wie Jesu Weg damit korrespondiert und wie er, der Priester, seinen fördernden Dienst tun kann, so steht der Bischof katholisch, auf das Ganze seines Sprengels, seiner Synode bezogen in dem Dienst, die göttlichen Gaben der dort Redenden und Handelnden in einer angst-freien und offenen Atmosphäre zum Wachstum zu bringen und zur Entfaltung. In diesem Spannungsfeld mit all den Ungewißheiten und Unwägbarkeiten, die Spannungsfelder mit sich bringen, müssen unsere Ordnungen immer angesiedelt bleiben. »Kata« ist und bleibt ein Beziehungswort, und Beziehungen zwischen Menschen sind nun mal spannend.

Ganzheitlichkeit

Ich möchte schließlich einen weiteren Aspekt von Katholizität, der vielen von uns in den letzten Jahren neu aufgegangen ist, betonen:

Immer mehr Menschen, darunter auch Christen, kommen in den letzten Jahren zu der Einsicht, daß die Menschheit zur ihrer und der Erde Rettung ein »ganzheitliches« Weltbild benötige. Das heißt, wir müssen erkennen, daß es unaufhebbare Zusammenhänge zwischen Leib, Seele und Geist gibt, daß es unaufhebbare Zusammenhänge zwischen Schöpfer und Geschöpf, sichtbarer und unsichtbarer Welt gibt. Eigentlich sind uns solche Glaubenssätze altvertraut; wir haben sie jedoch leider immer mehr an den Rand der Weltgeschichte und an den Rand unseres Bewußtseins geschoben. Die moderne Atomphysik dagegen lehrt uns, daß die »Schöpfung«, d.h. der Umbruch, die Nahtstelle von einer geistigen in eine »materielle« Welt, allem Geschaffenen, also auch jedem Menschen und jedem einzelnen »Ding« innewohnt. Was Mystiker schon lange er-meditiert und ausgesprochen haben, das wird uns heute - nicht zuletzt bestätigt durch die modernen Naturwissenschaften und durch die Notwendigkeit einer Vernetzung von Mensch und Natur - aufs Neue klar: Gott ist nicht nur am Anfang und am Ende der Geschichte, des Kosmos, die er ansonsten nur aus der Ferne begleitet, er ist überdies auch als Grenze, an der sich Materie unserem verstandesmäßigen Zugriff entzieht, anwesend in allem, was da ist, als eine geistige und beseelende Matrix.

Wenn wir vielleicht oft gedankenlos bekannt haben, daß durch Christus alles geschaffen ist, dann können wir dies heute genau so verstehen, daß sein innerstes Wesen, die Liebe, auch als innerster Grund allem Geschaffenen eingeprägt ist. Teilhard de Chardin wagt das Bild, die ganze Welt sei eine Hostie, die von Gottes Geist in einer gewaltigen kosmischen Wandlung immer mehr das Bild Christi entbirgt, immer mehr ihr Wesen, seine Liebe, bloßlegt und so immer mehr zur Harmonie mit sich selbst und ihrem Schöpfer gelangt.

Heil

Wenn der Welt, wenn der Erde und ihren Geschöpfen so viel Gottesgeist innewohnt, wenn also ein solches ganzheitliches, oder, wie die Ganzheits-Anhänger sagen, »holistisches« Weltbild gerade auch aus der Perspektive christlichen Schöpferglaubens sinnvoll ist, wenn die Welt eine Ikone des kosmischen Christus ist, dann dürfen wir uns wiederum dankbar unseres Eigennamens erinnern und kat-holistisch, d.h. bezogen auf das Ganze der Schöpfung und auf ihre Ganzheit (ganz heißt niederdeutsch heel, unser hochdeutsches Heil und heilig kommt davon, hier besteht auch die sprachliche Verwandtschaft zum griechischen holos) unseren Glauben und unsere ökologische Praxis neu bedenken und sensibilisieren.

Verpflichtung

Unser Name verpflichtet uns also, daß wir uns für das Heil und gegen die Zerstörung der Schöpfung immer wieder empfindsam machen müssen. Unser Name verpflichtet uns auch darauf. daß wir die vielen Ganzheitsbewegungen, die sich in jüngster Zeit mit sehr unterschiedlicher Akzentuierung bemerkbar machen, nicht gleich als etwas Fremdes ablehnen, sondern darin eine Verwandtschaft mit unseren eigenen Intentionen dankbar begrüßen.

Manche schrecken auf. wenn sie den nebulösen und zugleich anspruchsvollen Begriff »New Age« hören und sie denken dabei gleich an Magisches und Spiritistisches, an Astrologie und Reinkarnation. Zweifellos satteln wie immer, wie ja auch schon im Christentum, die Scharlatane und Geheimniskrämer, die Geldgierigen und die Taschenspieler schnell auf eine Sache drauf. Aber birgt nicht diese Bewegung auch manches Gute, »Katholische«: Die breitere Wiederentdeckung von Meditation und Kontemplation, die Wiederentdeckung einer sanften und mit Naturmitteln arbeitenden Medizin (auch hier gibt es ja viele christliche Vorbilder von Hildegard von Bingen bis Sebastian Kneipp), die Wiederentdeckung der Heiligkeit des Schöpfungsgefüges (Franz von Assisi). die Wiederentdeckung eines gewissen Wertkonservatismus etwa auch im Umgang mit Kindern, mit geistig und körperlich Behinderten und mit Sterbenden, die Wiederentdeckung einer »anderen Welt« schließlich (deren Inhalte sich mit christlichen freilich nur hier und da decken), die Wiederentdeckung von Mythen, Legenden, Gleichniserzählungen. von Zeichen und Symbolen in einer psychoanalytisch aufbereiteten Weise (Drewermanns tiefenpsychologische Deutungen biblischer Erzählungen) - dies alles sind Vorgänge, denen wir uns dankbar öffnen dürfen.

Offenheit

Als Alt-Katholiken haben wir es nicht nötig, hier eine pauschalisierende und unqualifizierte Abwehrhaltung einzunehmen.

Im Gegenteil: Aus einem offenen Verständnis von Katholizität heraus wird es der alt-katholischen Kirche auch in den nächsten Jahrzehnten nicht an Zukunftsaufgaben mangeln; wir dürfen dazu beitragen, unter den vielleicht da und dort vorhandenen magischen Verschüttungen das Antlitz Christi sichtbar zu machen, das Antlitz einer den Kosmos erfüllenden Liebe, die sogar bis zum Tode für die paradiesische Harmonie zu leiden bereit ist.

Hier gibt es eine unendliche Fülle neuer Literatur zu sichten (eine echt katholische Aufgabe; es wäre der schlechteste Dienst, den wir unserer Katholizität erweisen würden, wenn wir die Aufgabe dieser Auseinandersetzung aus Angst liegen ließen).

Und hier gibt es stets neue Wege zu gehen: Ob unsere Gottesdienste symbolträchtiger werden, ob wir in unserer Verkündigung mutiger von der ökologischen und der Friedensaufgabe sprechen. ob wir andererseits auch klarer die Existenz der anderen, göttlichen Welt ansprechen und uns intensiver um Grenzwissenschaften kümmern, ob unsere Art zu beten kontemplativer wird, ob es unserer Kirche gelingt, mehr diakonische Initiativen Fleisch werden zu lassen, ob wir über die »Dritte-Welt«-Arbeit und über unsere Kontakte zur weltweiten anglikanischen Gemeinschaft auch mehr vom religiösen Leben von Naturvölkern Afrikas und Südamerikas, von Völkern des Nahen und Fernen Ostens erfahren und unsere Religiosität zu der ihren in Beziehung setzen, ob wir in unseren technisierten Krankenhäusern Zeichen für einen ehrfurchtsvollen Umgang mit dem geschwächten Leben setzen, ob wir in unserer Kirche dem Spirituellen und Pastoralen den Vorrang einräumen vor rechtlichen Fragen, ob wir so und anderswie dem »fraulich«-emotionalen Element den gleichen Wert einräumen wie dem »männlich«-rationalen, alles dies sind Anfragen an unsere Ganzheitlichkeit und unsere Ganzheitsbezogenheit, unsere Katholizität. Es kann sein, daß an der Empfindsamkeit für diese Anfragen die Zukunft einer wirklich »katholischen« Kirche hängt.

Joachim Vobbe

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