Altkatholikin


IN EINER ZEIT WIE DIESER... oder: Altkatholikin in Österreich 2000

Vor zehn Jahren starb Bruno Kreisky, wohl einer der größten Staatsmänner Österreichs. Viele seiner Reden begann er mit:"In Zeiten wie diesen..." Und dieses geflügelte Wort ist heute wieder in vieler Munde.
"In Zeiten wie diesen..." rief die Grande Dame des österreichischen Kabaretts, Dolores Schmidinger, nach einem großartigen Abend ihr begeistertes Publikum zu einer Spende für "S.O.S.-Mitmensch" auf. Diese Organisation, von KünstlerInnen ins Leben gefufen, arbeitet mit Herz und Verstand in der Integration von asylsuchenden, heimatvertriebenen und ausgegrenzten Menschen. "S.O.S.-Mitmensch" war die anständige Antwort auf das unanständige Haider-Volksbegehren "Österreich zuerst" (oder eben "Ausländer raus") in den 90er Jahren.
Ich stieg in ein Taxi und wollte nach diesem tollen Kabarettabend nach Hause fahren; fröhlich, nach-denklich, etwas müde. In der Wiener Ringstraße standen wir plötzlich im Stau.Um Mitternacht im Stau?
Bevor ich aber noch zu weiteren Überlegungen kam, donnerte der Taxifahrer los: "Diese Scheißdemonstranten! Jeden Donnerstag das gleiche! Die gehören alle an die Wand gestellt. Vergasen sollte man das G’sindel!"
"Fahren Sie sofort an den Rand!" reagierte ich kurz und wieder hellwach geworden. Der Mann war zu meinem Entsetzen ungefähr in meinem Alter (Jahrgang 1956). Einstellungen und Herzensbildung waren aber noch nie wirklich eine Frage des Alters. Und ich wollte einfach nicht diskutieren, nicht nach einem solchen Abend und schon gar nicht mit einem solchen Autolenker, in dessen Fahrzeug ich gefahren werden sollte.
"Was soll das?" fragte er und blitzte mich wütend an.
"Fahren Sie sofort an die Seite und halten Sie an! Mit Ihnen fahre ich nicht mehr weiter!" sagte ich jetzt scharf.
Er katapultierte sein Auto über den Randstein und tobte los. Einen Augenblick hatte ich wirklich Angst, er schlage tatsächlich zu.
Dann stand ich am Ring, holte tief Luft. Mit quietschenden Reifen bog der Wagen rechts in eine Seitengasse. "Die Richtung stimmt!" dachte ich noch einen kurzen bittergeschmackigen Moment.
"In Zeiten wie diesen..." Wenn ich nicht schwer gehbehindert wäre, würde ich auch mitgehen bei diesen allwöchentlichen Demos. Jeden Donnerstag seit über einem halben Jahr demonstrieren Großeltern und Enkel gleichermaßen gegen die unselige Regierungsbildung in Österreich. Die Presse berichtet längst nicht mehr davon. Manchmal sind es einige Hundert, manchmal zehn- bis zwanzigtausend Menschen, die jeden Donnerstag Abend bis in die Nacht hinein in Wien auf die Straße gehen in Zeiten wie diesen. FreundInnen und Bekannte von mir sind auch dabei. Jede Woche.
Ich winkte mir schließlich ein vorbeikommendes Taxi heran. Der Fahrer war Ghanese, schon zehn Jahre in Österreich; ja, seine Familie auch. "Das waren halt noch etwas andere Zeiten" unterhielten wir uns bis vor meine Haustüre. Der Händedruck war fest und herzlich und uns beiden ein Bedürfnis.
In Zeiten wie diesen ist es wichtig, Gewissensnotstand nicht auszuhalten sondern gewissenhaft zu agieren und vor allem zu reagieren. Und ich weiß, was es heißt, innerlich zu emigrieren, Zerreißproben durchzustehen. Ich weiß auch, was es heißt, wenn das Band – der Geduldsfaden – reißt.
38 Jahre lang war ich römisch-katholisch, aufgewachsen im "heiligen Land Tirol", wo ein Ausbruch aus Traditionismen extrem schwierig ist. Ich bin schließlich gegangen. Zuerst von Tirol nach Wien, dann aus der römischen Kirche. Ersteres, um Familienbande zu zerreißen und mich endlich ent-wickeln zu können, zweiteres aus Gewissensgründen. Aus Gewissensgründen und aus Liebe zum katholischen Christentum.
Ich habe mich selbst für die altkatholische Kirche entschieden.
Eine solche Gewissensentscheidung hat vor rund 130 Jahren im Rahmen und in der Folge des Ersten Vatikanums zu einer von Rom aufgezwungenen Kirchenspaltung geführt. Die Stimme desGewissens musste zum Schweigen gebracht werden, denn schließlich sollte die absolute Macht des Papsttums (Unfehlbarkeit und Jurisdiktion) dogmatisiert werden.
Die Stimme des Gewissens wurde exkommunizert. Sie war und ist aber nicht zum Schweigen zu bringen!
Wir AltkatholikInnen sind eine kleine Kirche. Wir erleben, was es heißt, eine Minderheit zu sein, immer wieder totgeschwiegen zu werden. Noch immer "vergisst" die römische Amtskirche gerne auf die Einladung an uns AltkatholiInnen, wenn es um "ökumenische" Feiern oder Veranstaltungen geht. Ganz anders gehen Basisorganisationen wie "Wir sind Kirche" (Kirchenvolksbegehren) damit um.
In Zeiten wie diesen gab es tatsächlich die unselige Seligsprechung (03.09.2000) des antijudaistischen, absolutistischen, demokratie- und menschenrechtsverachtenden Papstes Pius XI. mit seiner unseligen und sogar verbrecherischen Lebenshaltung, die im Ersten Vatikanum gipfelte. In Zeiten wie diesen ist diese Seligsprechung keine rein römisch-katholische Angelegenheit!
In Zeiten wie diesen sind wir AltkatholikInnen eine besondere Stimme geworden.
Seit über fünf Jahren gehöre ich eindeutig dazu und bin seit mehr als zwei Jahren geweihte Priesterin in unserer Kirche. Unser Protest gegen Frauendiskriminierung ist glaub-würdig geworden. Wir haben auf der österreichischen Synode 1997 auch beschlossen, liebesfähige und liebende Menschen in verantwortlich gelebter Beziehung zu segnen. Unser Protest gegen die Diskriminierung homoerotisch veranlagter Menschen ist glaub-würdig. Unser Einsatz und unsere Stimme für die Umsetzung der Menschenrechte in einem demokratisch konstituierten Staat ist wichtig und klar deklariert.
Ich unterrichte an Krankenpflege- und Altenbetreuungsschulen Sterbe- und Trauerbegleitung, Ethik und Psychologie. Ich trete für palliative (schmerz- und symptomlindernde) Sterbebegleitung und gegen Euthanasiebestrebungen ein. Ich bin selbst totkrank und weiß, wofür ich kämpfe, wenn ich Lebensqualität und Sterbekultur VOR allem Begräbniskult einfordere.
Ich schreibe meine Bücher (dzt. 12, davon 11 lieferbare Titel), um meine Stimme auch dann noch zu erheben, wenn mich der Krebs besiegt haben sollte. Ich schreibe und male, um Spuren zu hinterlassen für Werte, die mir lebens- und glaubenswert erscheinen. In Zeiten wie diesen halte ich das für lebensnot-wendend.
Als katholische Frau weiß ich, was es heißt, mit Schuldgefühlen manipuliert zu werden, mit Minderwert sich arrangieren zu müssen, auszuhungern und gegen Resignation und Depression zu kämpfen. Diese katholische Frau hat gelernt, sich städig rechtfertigen zu müssen und sich ständig zu schämen. Sie hat gelernt, daß Gott ein Sexist sei, der keine Frauen berufe, daß es eine hierarchisch-patriarchale Ordnung und eine Männertheologie als die einzig dogmatisierte "wahre" Lehre gibt, der sie sich zu beugen und unterzuordnen hat, daß sie demütig gedemütigt wird, weil das so zu sein hat...Als katholische Frau bis zu meinem 38. Lebensjahr.
Dann habe ich gelernt, daß ich endlich eigene Entscheidungen aus eigenem Gewissen fällen muß, daß ich dafür aufrecht und gerade stehen muß, daß ich eine Stimme habe, die etwas zu sagen hat, daß meine Stimme, meine Sprache, mein Tun etwas bewegt in dieser Welt, daß ich berufen bin von einem liebenden Gott. Ich habe gelernt, stolz zu sein, mein Glaubensbekenntnis zu leben, zu bezeugen und dafür einzustehen. Ich habe gelernt, meine Verantwortung selbst zu übernehmen in der Kirche, in der Gesellschaft, in meinem politischen Denken und Handeln. Ich habe gelernt, Schuld von Schuldgefühlen und Schuldzuweisungen zu trennen, mich nicht mehr zu schämen für mein Frausein, meinen Glauben, meine Theologie und mich weder zu rechtfertigen noch mich mit Recht fertig machen zu lassen in unerfüllten Fremderwartungen an mich. Ich gehe meinen Weg im Wissen um meine Werte und Talente, ich bezeuge die Nachfolge des Evangeliums nach meinen Kräften, habe doppelbödige Moral und blinden oder tauben Gehorsam (=un-sinnig oder sinn-los) über Bord geworfen und lerne im interreligiösen und interkulturellen Dialog die Ethik MENSCHSEIN.
Ich bin katholisch. ALTkatholisch. Früher war diese Kirchenstruktur meine Sehnsucht, heute ist sie meine Wirklichkeit. Mein Leben ist sehr spannend und unbequem. Ich kann mich nicht mehr verstecken hinter Strukturen und Systemen, hinter einem "Die-da-oben".
In einer bischöflich-synodalen Kirche bin ich selbst verantwortlich für das, was ich sage, tue und vertete.
In einem verfassungsmäßig demokratischen Land bin ich auch mitverantwortlich.
In Zeiten wie diesen ist es gut, sich dessen ganz bewußt zu sein.
In Zeiten wie diesen bin ich gerne Hoffnungsträgerin:
Als Frau Stimme in einer Mehrheit, die sich eindlich ihrer Kraft und ihrer Mehrheit bewußt wird.
Als Priesterin Stimme einer gottgewollten, längst überfälligen Gerechtigkeit und Berührungspunkt gegen alle Berührungsängste.
Als Menschenrechtlerin und Demokratin überzeugte Altkatholikin.
Als Altkatholikin gläubige Christin.
In Zeiten wie diesen kann ich zweierlei NICHT sein:
Agnostisch und unpolitisch.
Weil ich ein Mensch dieser Zeit bin, weil ich als Frau gewachsen bin an und in einer Zeit wie dieser!

Karin E.Leiter