Altkatholikin


Versuchung und Irrtum
Die Alt-Katholische Kirche im Dritten Reich

Die Geschichte des Alt-Katholizismus im Dritten Reich ist weithin unerforscht. Wer sich auf den Weg macht, sie zu entdecken, kann sich des Eindrucks nicht erwehren, es sei die Geschichte einer Versuchung, welcher zwar nicht die Gesamtheit der Alt-Katholiken erlegen ist, wohl aber führende Kreise, die das Bild der Kirche in der Öffentlichkeit bestimmten. Im folgenden sollen die Anfänge dieser Versuchung skizziert werden, die darin bestand, durch die "Gunst der Stunde" eine große Kirche zu werden, indem man sich einer mächtigen politischen Bewegung als Alternative zum Rom-Katholizimus andiente. Verwoben war damit der überaus naive und gefährliche Irrtum, trotz eines solchen Bündnisgenossen, dessen Stil und Methoden imitiert wurden, eine unpolitische Kirche sein und bleiben zu können - in einer Zeit, die hoch politisch war und alles andere als ein unpolitisches Christentum erforderte.

Reichstagswahl 1930

Die Reichstagswahl im September 1930 brachte den ersten großen Wahlerfolg der NSDAP, die fortan mit 107 statt den bisher zwölf Abgeordneten im Parlament vertreten war und dort die zweitstärkste Fraktion bildete. Dieses Ergebnis beförderte in den Kirchen die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und führte vor der Machtergreifung auf römisch-katholischer Seite zu ablehnenden Stellungnahmen, die bis hin zum Sakramentenausschluß und zur Beerdigungsverweigerung für NSDAP-Mitglieder gingen.

Unpolitischer Alt-Katholizismus

Von der alt-katholischen Kirche waren solche Reaktionen nicht zu erwarten, da sie sich als eine unpolitische und rein auf das Religiöse beschränkte Kirche verstand. Bewußt wollte man im Unterschied zur römisch-katholischen Kirche, die mit der Zentrumspartei ein politisches Ponton besaß, keinen Einfluß auf die Parteipolitik nehmen oder gar den eigenen Kirchenmitgliedern vorschreiben, was sie zu wählen hätten. Dieses Sebstverständnis prägte natürlich die Diskussion über den Nationalsozialismus, wofür exemplarisch ein dreiteiliger Artikel des Freiburger Pfarrers und späteren Bischofs Erwin Kreuzer steht, der im Dezember 1931 in "Alt-Katholisches Volksblatt" unter der Überschrift "Völkische Bewegung und Alt-Katholizismus" erschien.

Gemeinsamer Dienst am Volkstum

Für Kreuzer ist die NDSAP die "erfolgreichste Verkörperung" der umfassenderen völkischen Bewegung, der es in ihrer Gesamtheit um die Weckung des völkischen Bewußtseins gehe. In diesem Anliegen sei eine Gemeinsamkeit mit dem Alt-Katholizismus gegeben: "Auch unsere kirchliche Bewegung ist bewußt Dienst am Volkstum." Der Alt-Katholizismus strebe danach, das Volkstum als Gottesgabe ernstzunehmen und versuche deshalb, das religiöse Erleben, Feiern und die Gemeinschaftsbildung aus der Eigenart deutschen Volkstums zu gestalten, was sich zum Beispiel in der Verwendung des Deutschen als Liturgiesprache zeige. Allgemein formuliert Kreuzer:

"Wir glauben, daß jedes Volk den ganzen Christus in der ihm angeborenen Eigenart erleben kann, darum wollen wir ihn aus der Eigenart unseres Volkes heraus erleben."

Die Ziele der NSDAP werden ausgeblendet

Und wie steht es mit den eigentlichen Zielen der NS-Bewegung? Auf diese Frage liest man bei Kreuzer die erstaunliche Antwort:

"Wenn wir vom Nationalsozialismus und seiner Partei sprechen, so bleiben dabei seine politischen Ziele und Wege ganz außer Betracht; sie wird und mag der einzelne Alt-Katholik gutheißen oder ablehnen, je nach seiner politischen Einstellung und Überzeugung."

Diese Enthaltsamkeit bezüglich der NS-Programmatik mag überraschen, denn wie kann man vom Nationalsozialismus sprechen, ohne über seine Ziele zu reden? Allerdings liegt dies genau auf der Linie eines unpolitischen Alt-Katholizismus: Der einzelne mag sich sein Urteil bilden, die Kirche äußert sich offiziell nicht. Was Kreuzer trotzdem an kritischen Anmerkungen bringt, geht nicht ins Grundsätzliche; er erwähnt lediglich Übertreibungen und Entgleisungen, besonders im Hinblick auf den Rassegedanken, der sich bei manchem zum Rassehochmut gesteigert habe. In der NSDAP sieht er vor allem die Gefahr des Führergedankens, die in der "Verhimmelung" einer Person bestehe.

Bündnispartner gegen Rom?

Die weitere Lektüre macht deutlich, daß eine ganz andere Frage das Interesse von alt-katholischer Seite an der NSDAP bestimmt. Es ist dies der gemeinsame Gegner: Die römisch-katholische Kirche. Und in diesem Punkt kritisiert Kreuzer - nicht zum erstenmal - heftig die Nationalsozialisten. Obgleich ihnen die römischen Bischöfe mit ihren Stellungnahmen und den Sakramentsverweigerungen den Fehdehandschuh hingeworfen hätten, würden sie dem Kampf ausweichen. Offensichtlich hoffe man in der Partei auf eine Verständigung mit Rom, die es in Kreuzers Augen aber nie geben werde, da der Rom-Katholizismus auf seine politischen Ansprüche nicht verzichte. Die NSDAP solle zwar nicht zum Austritt aus der römisch-katholischen Kirche aufrufen, doch in ihrer Mitte seien genug Parteigenossen, die eigentlich nicht mehr in dieser Kirche daheim seien: "Wenn solche Parteigenossen nach neuer kirchlicher Einwurzelung suchen, dann soll die Partei sie nicht daran hindern... "

Für solche Einwurzelung biete sich die alt-katholische Kirche an. Bislang hätten dies freilich erst wenige Nationalsozialisten erkannt. Allen, die weiterhin auf Frieden mit dem - so Kreuzer - "widervölkischen" Rom hoffen, gilt das Schlußwort als Warnung: "Wer bei Rom zu Gaste geht, stirbt daran!"

Ein Beitrittspotential?

Kreuzers Artikel gibt - soweit erkennbar - eine Position zum Nationalsozialismus wider, wie sie von etlichen führenden Alt-Katholiken vertreten wurde. Sie ist geprägt durch den Verzicht auf eine tiefergehende inhaltliche Auseinandersetzung mit dem NS-Gedankengut, während die NS-Bewegung hauptsächlich als ein Beitrittspotential in den Blick kommt. Mehr oder minder unverhohlen wird um Mitglieder aus diesem Bereich geworben, indem auf den gemeinsamen Gegner und den eigenen unpolitischen Charakter verwiesen wird. Ein Brief Kreuzers, den er als Bischof ans Reichskirchenministerium im Juli 1935 schrieb, bringt diese Sicht der Dinge auf den Punkt:
"Die alt-katholische Kirche ist nicht »nationalsozialistisch«, sie ist überhaupt nichts politisches, sondern sie ist rein religiös, wertet Volkstum und Rasse als Gottesgaben - und wird damit ganz ungewollt und ungesucht zum Bundesgenossen des Nationalsozialismus, der gegen ein politisches Machtbegehren religiöser Gemeinschaften auf Kosten der Volksgemeinschaft Stellung nehmen muß."

Erfolglose Werbung

Als Kreuzers Artikel erschien, waren die ersten Bemühungen, Nationalsozialisten zu werben, schon voll im Gang - aber weithin erfolglos. Hiervon zeugt ein Briefwechsel zwischen dem damaligen Bischof Georg Moog und dem NSDAP-Reichstagsabgeordneten Graf von Reventlow aus dem Herbst 1931.

Offensichtlich hatte Moog den Kontakt zu Reventlow gesucht, um die Frage zu klären, warum die durch Sakraments- und Beerdigungsverweigerung von Rom enttäuschten Katholiken nicht den Weg zur alt-katholische Kirche fänden. An verschiedenen Orten hätten alt-katholische Geistliche durch Vorträge versucht, katholische Nationalsozialisten anzusprechen, aber stets seien sie ins Leere gelaufen, da die Partei äußerst zurückhaltend reagierte.

Um dies zu belegen, schickt Moog entsprechende Erfahrungsberichte an Reventlow, in denen die Geistlichen darlegen, wie wenig die Partei zur Zusammenarbeit bereit sei. Da und dort sei es den Parteimitgliedern sogar verboten worden, an Vortragsveranstaltungen als Zuhörer teilzunehmen. So mutmaßt ein Pfarrer: "Der Eindruck ist nicht von der Hand zu weisen, daß von der Leitung der Partei Geheiminstruktionen vorliegen, die eine Zurückhaltung gegenüber dem Alt-Katholizismus an-befehlen."

Diesen Verdacht kann Reventlow zwar nicht bestätigen, er sieht aber in Hitlers Zurückhaltung gegenüber Rom reine Taktik, mit der es im Falle der Machtübernahme ein Ende habe; Hitler werde dem Kampf mit dem römischen Katholizismus nicht ausweichen. Bis dahin hieße es für die Alt-Katholiken abzuwarten und dezent auf sich aufmerksam zu machen.

Hitlers Sieg abwarten

Bischof Moog schließt ernüchtert Ende November den Briefwechsel in dieser Sache mit den Worten: "Es scheint nunmehr klargestellt, daß die mit bezug auf uns angewandte Taktik von Hitler selbst anbefohlen wurde und aufrechterhalten wird. Und es muß vorläufig sein Bewenden damit haben, daß einzelne wirklich religiöse Nationalsozialisten uns beitreten und dabei sich still verhalten. Vielleicht ist dies vorderhand ein größerer Gewinn für uns als wenn ein Mengenübertritt hier und da stattfände."

Es gilt also, Hitlers Sieg und den dann unausweichlichen Konflikt mit Rom abzuwarten - in der Hoffnung, die ein Pfarrer in seinem Erfahrungsbericht ausdrückt: "Vielleicht dass dann beim Entscheidungskampf Hitlers mit Rom unsere Kirche berufen ist, die deutschen Katholiken aufzunehmen." Doch schon ein Jahr säter zeigte sich, daß nicht bis zur Machtübernahme Hitlers gewartet werden mußte.

Das Bottroper Ereignis

In Bottrop leitet am 10. Oktober 1932 der alt-katholische Pfarrer Heinrich Hütwohl die kirchliche Begräbnisfeier für das NSDAP-Mitglied Franz Große Beck, dem von römisch-katholischer Seite die Beerdigung verweigert worden war. Für Hütwohl war dies nicht der erste Fall dieser Art. Doch diesmal schlägt die Sache hohe Wellen in der Öffentlichkeit. Hütwohl nutzt die Gunst der Stunde und setzt einen Aufklärungsvortrag an, der sehr gut besucht ist und in dessen Gefolge es zu etlichen Beitritten kommt, welche die Basis für die Gründung der Gemeinde Bottrop am 23.November desselben Jahres bilden. Am Jahresende zählt sie bereits 160 Mitglieder, Ende 1933 gar 808.

Zwei Jahre später analysiert Hütwohl in einer Denkschrift die Ursachen der Beitrittsbewegung: Beerdigungsverweigerungen habe es auch vorher gegeben, aber erstmalig sei es möglich gewesen, "vor dem Forum der breitesten Öffentlichkeit" die Auseinandersetzung zwischen Rom- und Alt-Katholizimus zu führen: "In dieser Auseinandersetzung hat die alt-katholische Idee gesiegt. Darin liegt für mich [...] die große Genugtuung, daß [...] die durchsichtige katholische Reinheit unserer Kirche, ihr religiöses Erlebnisgut, die in ihrer formalen Schlichtheit wundersam zutage tretende kultische Wärme, Innigkeit und Aufrichtigkeit einer staunenden Welt von frommen, katholischen Menschen unwiderstehlich ans Herz griff und sie innerlich von Rom loslöste. Es ist bezeichnend: nicht nach dem ersten oder zweiten Vortrag in Bottrop kamen die Beitritte. Trotzdem der Vernunftbeweis restlos gelungen und die Katholizität unserer Kirche von den Zuhörern begriffen worden war, bedurfte es der Teilnahme der interessierten Kreise an einem alt-katholischen Gottesdienst, um sie restlos zu gewinnen."

Von den Nazis lernen

Freilich, der Erfolg ist nicht vom Himmel gefallen, denn Hütwohl hatte frühzeitig begonnen, die Werbearbeit in seinem Pfarrbezirk mit viel Phantasie und Talent neu zu organisieren. In mehreren Dokumenten hat er seine Strategie dargelegt; sie lassen ahnen, worin sich sein Erfolg wesentlich begründete. Exemplarisch sei ein Zitat über die Bedeutung des pfarrlichen Männerkreises wiedergegeben:

"Und seine Schlagfertigkeit stellte er [der Männerkreis; Anm.d.Verf.] Ende 1932 in der Bottroper Aktion unter Beweis. Jetzt gings in die offene Feldschlacht. Eine Schilderung dieser Feldschlacht würde zu weit führen. Es genügt zu sagen: 16 mal fuhr unser Männerkreis als Stoß- und Werbetrupp in die Kampfzone. Im kalten Winter in einem offenen Lieferauto. Stundenlang in kalten Sälen. Tausende von Schriften und Blättern wurden abgesetzt. [...] Im Zuge der Bewegung lag die Beschaffung von Männerkreisfahnen. Zum Demonstrieren? Jawohl! [...] Dreimal in einem Jahr marschierten unsere Männer in Bottrop, einmal in Gladbeck; marschierten sie als deutsche Katholiken."

Wer ein Bild dieser Männerkreisfahne betrachtet, könnte im ersten Moment einer Verwechslung erliegen, denn in Farbe und Aufbau entspricht sie der Hakenkreuzfahne; der einzige Unterschied besteht darin, daß das Hakenkreuz durch das Christusmonogramm ersetzt wurde. Vielleicht spürt die Leserin und der Leser anhand dieses Beispiels (weitere könnten genannt werden), warum Hütwohl und andere, die ähnlich agierten, so erfolgreich waren: In Sprache und Stil, in Methodik und Symbolik wurde die NS-Bewegung weitgehend imitiert und damit den Nationalsozialisten eine Geistesverwandtschaft suggeriert und indirekt das Angebot einer neuen kirchlichen Heimat gemacht. Diese Imitation der NS-Welt sollte noch stärker nach der Machtergreifung zum Tragen kommen - und Auslöser für den innerkirchlichen Widerstand gegen diese Art der Mitgliederwerbung sein.

Stil und Inhalt

War Hütwohl ein Nazi? Er selbst verneinte dies: "Da und dort wurde aus mir ein Nazi-Pfarrer gemacht. Dabei habe ich mich nie politisch betätigt und stets zum Ausdruck gebracht, daß die politische Ebene nicht die Basis zur kirchlichen Missionsarbeit abgeben kann und darf."

Alle vorliegenden Dokumente weisen daraufhin, daß diese Selbsteinschätzung sogar stimmt. Von den Nazis wurde zwar der Stil übernommen, aber nicht die Inhalte - zumindest bei Hütwohl war dies so. Und auch für Bischof Moog ist dies zu bemerken; er sah zwar in der NS-Bewegung ein Beitrittspotential, ging aber gleichzeitig gegen einen Pfarrer vor, der noch vor der Machtergreifung eine Predigtreihe über "Das verjudete Christentum" hielt.

Aus heutiger Perspektive muß allerdings gefragt werden, ob es nicht ein naiver Irrtum war, Inhalte und Agitationsstil trennen zu wollen. Lag der Erfolg, den man plötzlich im völkischen Lager hatte, nicht darin begründet, daß der Unterschied von Inhalten und Stil verwischt war?

Die KNB

Was sich in Bottrop bewährte, baute Hütwohl aus. Zunächst entstand 1933 für Westfalen ein Werbeamt, aus dem 1934 die "Katholisch Nationalkirchliche Bewegung" (KNB) hervorging (später KNV = "Katholisch Nationalkirchlicher Volksverein"). Die KNB verstand sich als überkonfessionelle "Werbefront" (sic!) des Alt-Katholizismus, die gegen den politischen Katholizismus Roms kämpft und für eine deutsche Nationalkirche. Im wiederbegründeten "Romfreier Katholik" erhielt sie im Jahr darauf ihr "Kampfblatt" (sic!). Hütwohl wurde zum Reichsleiter der KNB gewählt, die sich nach dem Führerprinzip organisierte.

Vom 18.-19. Mai 1937 konnte die KNB ihre erste und einzige Reichstagung in Mannheim abhalten. Sie stand damals auf dem Zenit ihrer Wirksamkeit. Zahlreiche Betritte hatte es mit ihrer Hilfe an verschiedenen Orten gegeben, etwa in Oberschlesien rund 1000 in neun Monaten. Ein Gestapo-Bericht zeigt, daß es offensichtlich heftige Auseinandersetzungen innerhalb der KNB über deren Kurs gab:

"»Die Katholisch-Nationalkirchliche Bewegung« (KNB) wurde 1934 als Kampforganisation der alt-katholischen Kirche gegründet. [...] Auf der letzten Reichstagung [...] traten starke Gegensätze unter den führenden Persönlichkeiten in Erscheinung. Während die eine Richtung unter Führung von Pfarrer Hütwohl und der Mehrzahl der alt-katholischen Geistlichen bestrebt ist, durch die KNB ihrer Kirche neue Anhänger aus den Reihen der römischen Katholiken zurückzuführen und sich auf eine betont konfessionelle und katholische Grundlage stellt, will die andere Richtung [...] eine sogenannte Heimkehrerkirche schaffen und unter besonderer Betonung der völkischen Elemente »auf dem Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung das religiöse Gebäude weiterbauen.«"

Diese Flügelkämpfe belegen, daß mit dem Nazi-Stil auch das entsprechende Gedankengut in die KNB und damit in die alt-katholische Kirche Eingang gefunden hatte. Für den "völkischen Flügel" war Jesus kein Jude, wie ein Redner in Mannheim betonte und ein entsprechender Artikel im "Romfreier Katholik" darlegte. Und das Alte Testament wollten einige sogar per Synodenbeschluß abschaffen.

Natürlich gab es auch Widerstand gegen diese Exzesse, selbst innerhalb der KNB. Besonders Pfarrer Pfister aus Blumberg machte sich mehrmals zum Sprecher all jener, die den "unchristlichen" Stil der KNB ablehnten. Auch die Tatsache, daß nur 18 Pfarrer die KNB voll unterstützten, läßt aufhorchen. Aber diese 18 bestimmten das Bild der Kirche in der Öffentlichkeit.

Hier ist nicht der Ort, eine detaillierte Geschichte der KNB vorzulegen. 1938 zeigte sich bereits ein Abebben der Werbetätigkeit. Von staatlichen Stellen wurden da und dort KNB-Veranstaltungen verboten. Und die beigetretenen Massen? Die suchte mancher Pfarrer, nachdem die erste Begeisterung verflogen war, vergebens in seiner Kirche.

Am Ende ein Schuldbekenntnis

Nach dem Zerplatzen der Träume und dem grausamen Erwachen steht das Schuldbekenntnis, das Bischof Kreuzer in seinem ersten Hirtenbrief nach dem Krieg, zu Ostern 1946, formulierte:

"In diesem Sinne geben auch wir als deutsche Alt-Katholiken uns heute Rechenschaft vom besonderen Geschehen der letzten zwölf Jahre im Leben unseres Volkes. Wenn wir darüber ganz von innen her unser Gewissen erforschen, dann finden wir wohl alle so oder so in uns ein schmerzliches Gefühl der Beschämung, das es uns [...] verbietet, uns außerhalb aller Verantwortung und damit außerhalb jener Schuld zu stellen, die sich in diesen Jahren so furchtbar über unserem Volk aufgetürmt hat. Es gab doch von Anfang an gewisse Worte und Erscheinungen, die beschämend und erschreckend waren und die uns hätten wacher finden sollen. Von daher verstehen wir, daß auch wir mitschuldig geworden sind."

 

"...unsere Kirche hat ihre Unschuld verloren..."
Bekenntnis zur Schuld in der NS-Zeit

In einer bewegenden Stunde der Synode sprach Bischof Joachim Vobbe über die Verstrickungen der Alt-Katholischen Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus und betete, gemeinsam mit Pfarrer Rudolf Geuchen, ein Schuldbekenntnis, in dem klar ausgesprochen wurde, dass nicht nur Einzelpersonen gefehlt haben, sondern auch die Kirche in ihren Repräsentanten und somit als Institution. Äußerer Anlass für dieses Bekenntnis war die Anwesenheit von Rabbiner Dr. Walter Homolka, einem Vertreter des reformierten Judentums, der auf der Synode ein Referat hielt. Das Schuldbekenntnis wurde mittlerweile auch an den Zentralrat der Juden in Deutschland weitergeleitet. Wir zitieren aus der Ansprache unseres Bischofs und dokumentieren den vollständigen Text des Schuldbekenntnisses.

Bischof Joachim Vobbe sagte u.a.:

"Vor einiger Zeit fiel mir bei der Durchsicht eines 125 Jahre alten Taufbuches, das in der betreffenden Gemeinde immer noch in Benutzung ist, ein Name aus dem Jahre 1912 auf, der mit einem dicken blauen Stift markiert war: Leopold Katzenstein. Derselbe blaue Stift hatte noch dick zwischen Vor- und Nachnamen das von den Nazis vorgeschriebene »Israel« hinzugefügt. Es war die Handschrift des Pfarrers der 30er Jahre. Obwohl ich schon um manche schlimmen politischen (und theologischen!) Verirrungen und rhetorischen Entgleisungen mancher unserer. Kirchenleute wusste, bekam der Terror für mich hier erstmalig ein konkretes Gesicht und ich habe da vor dem schönen ehrwürdigen Taufbuch, das seine Unschuld verloren hatte, gesessen und geweint. Spätere Nachforschungen haben im übrigen meine Vermutungen bestätigt: der Pfarrer hatte bereitwilligst mit entsprechenden herabsetzenden Kommentaren den Rassebehörden über die nichtarische Herkunft »des Katzenstein« Auskunft erteilt.

Ich will damit sagen: Es gab eben nicht nur die Schuld dieses oder jenes Christen, dieses oder jenes Alt-Katholiken auch, die ganz persönliche Schuld beim Mitlaufen, Mitmachen und im Einzelfall vielleicht sogar beim Töten, Schuld, die die Betroffenen mit sich selbst abmachen müssen oder mussten. Es gab und gibt auch die Schuld der Institution und ihrer offiziellen Vertreter in offizieller Mission. Es wurde von Pfarrern und synodalen Gremien hier und da der Anbruch der neuen Zeit bejubelt, es wurde die öffentliche Stellung einiger missbraucht zu Lobeshymnen auf den Führer und unterwürfigen Stellungnahmen und Grußadressen, es wurden amtliche Interna missbraucht zu Auskünften über missliebige Personen: Juden, politisch Verdächtige, Homosexuelle. Es wurde auch vor dem Heiligsten nicht haltgemacht: Predigten wurden vereinzelt missbraucht zur Hetze, Sakramente zum Ausschluss. Natürlich waren nicht alle so, auch nicht alle Pfarrer und nicht alle Kirchen vorstände, bei weitem nicht, und auch nicht alle Bischöfe, die zu dieser Zeit agierten. Es gab auch die vielen Stillen, darunter viele Verzagte, und vor allem die, die nach anfänglicher Begeisterung doch mit der Zeit zu Skeptikern und zu Gegnern des Regimes wurden, und es gab Vereinzelte, die mutig widerstanden.

Bis auf eine deutliche Intervention des allerdings schon 1934 verstorbenen Bischofs Georg Moog gegen die antisemitische Hetze eines Pfarrers und ein frühes, deutliches Nachkriegsbekenntnis seines Nachfolgers sucht man jedoch ziemlich vergeblich nach einigermaßen mutigen Äußerungen oder doch wenigstens deutlichen Abgrenzungsversuchen von selten der Kirche in der fraglichen Zeit.

Wir, die wir hier sitzen, haben im historischen Sinne im Zeitraum von 1933 bis 1945 keine Schuld. Das ist eine Generationenfrage. Aber unsere Kirche hat ihre Unschuld verloren - durchaus auch in ihren Institutionen. Da liegt der Grund für uns, eindringlich zu bekennen, weiter Ursachenforschung zu betreiben, von Herzen - wo und wie irgend möglich - um Vergebung zu bitten und darum zu bitten, dass uns, die wir den Mann aus Nazareth lebendig in unserer Mitte glauben, von den jüdischen Schwestern und Brüdern - und von Gott mit ihnen - eine große, versöhnte, befreundete Zukunft gewährt wird"

Das Schuldbekenntnis

"GOTT, Vater und Mutter aller Menschen, als Synode unseres Bistums stehen wir heute vor Dir, um uns in besonderer Weise der jüdischen Menschen zu erinnern, die mit vielen anderen Opfer des Naziterrors wurden.

Wir tun dies in Ehrfurcht vor den Ermordeten und als Ausdruck unseres eigenen Gewissens. Wir bekennen, dass unsere Kirche nicht nur durch einzelne Privatpersonen, sondern auch durch ihre offiziellen Repräsentanten, durch Mitglieder ihrer Geistlichkeit und ihrer synodalen Organe Gutes unterlassen und Böses geduldet oder sogar gefördert hat. Aus Angst oder auch aus blinder Begeisterung, oft genug wider besseres Wissen, wurde Unrecht nicht Unrecht, Terror nicht Terror und Mord nicht Mord genannt. Wie so viele haben auch offizielle Vertreter unseres Bistums weggeschaut, wenn jüdische Nachbarn bei Nacht verschwanden, Geschäfte geplündert und Synagogen angesteckt wurden. Einige haben in Missbrauch ihres geistlichen Amtes der Bürokratie der Gewalt bedenkenlos zugearbeitet. So ist auch unsere kleine Kirche als Institution mitschuldig geworden an den jüdischen Frauen, Männern und Kindern, deren Leben im Grauen der Konzentratronslager und im Terror ein Ende fand.

In aufrichtigem Erinnern und in Kenntnis unserer Geschichte stehen wir zu diesem Versagen.

Wir können die Mitschuld unserer Kirche und die besondere Schuld einzelner ihrer Mitglieder nicht ungeschehen machen, du GOTT der Gerechtigkeit.

Wir tragen sie in Trauer und Demut vor dich hin. Wir wissen, dass jede Bitte um Vergebung gegenüber den Opfern vermessen ist, schaut man die Maßlosigkeit der Verbrechen an. Doch wo immer es möglich wäre, auch jetzt noch den Opfern des Terrors unsere Vergebungsbitte vernehmlich zu machen, möchten wir es tun.

Auch wenn wir die Zeit der Gewaltherrschaft nicht mehr oder nicht verantwortlich miterlebt haben: Als Synode übernehmen wir die Verantwortung, die uns unsere Geschichte aufbürdet: Wir bekennen uns zu diesem kirchlichen Versagen.

Wir bitten Dich, GOTT, unser Bekenntnis zu hören und anzunehmen. Wir bitten Dich, GOTT, dass Du uns hilfst, aus unserer Geschichte zu lernen und mit allen Menschen guten Willens dazu bei zutragen, dass Menschenverachtung und Rassenwahn keine Chance mehr bei uns haben.

Wir bitten Dich, GÜTIGER, schenke uns mit unseren jüdischen Schwestern und Brüdern Schritte in eine bessere Zukunft.

HERR DER WELT, damit uns der Weg in diese Zukunft gelinge, möge Dein lebensschaffender Geist unsere Schritte begleiten. Am Ende aller Zeiten, das ist unsere Hoffnung, wirst Du uns gemeinsam erwarten, um diese brüchige und sündige Welt und in ihr uns unvollkommene Menschen zu vollenden.

AMEN."