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"Befreiung von Trauer, Schmerz und Angst - Märchen aller Völker weisen dazu hilfreiche und bildhafte Möglichkeiten und Wege. Eine Spurensuche der ganz besonderen Art!"

Leiter, Karin E.
Ach wie gut, daß jemand weiß ... Trauerbegleitung mit Märchen
152 Seiten; 12 sw. Abbildungen d. Autorin;
20,5 x 12,5 cm; Broschur.
€ 12,90.-
ISBN 3-7022-2032-1

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Einleitung Leseprobe
Einleitung Weisheit und Häßlichkeit

Einleitung

Märchen sind Weisheitsgeschichten; an deren Vielfalt von Bildern man sich orientieren kann und Lösungen für Lebensprobleme findet. Rund um die Welt und quer durch. die Zeiten; in verschiedenen Kulturen und Religionen ist die Autorin den Spuren von Märchen gefolgt, die von Trauer erzählen; vor allem aber Wege aus der Trauer aufzeigen. Karin Leiter hat eine Fülle von Geschichten im Erzählgut der Menschheit gefunden (deutsche, jüdische, indianische; kurdische, nordische Märchen), die bildhaft zeigen und verständlich machen, was -Trauer und Schmerz bedeuten können, was sie bewirken und wie man aus der Wirkung ihrer Bilder heraus Hilfe leisten, verstehen und begleiten kann. Sie geht bewußt einen sehr eigenen Weg der Interpretation, stellt die Märchen mitten in ihre realen Erlebnisse und Erfahrungen. Anhand ihrer einfühlsamen Texte zeigt sie Wege heraus aus der Sprach- und Hilflosigkeit in der Begleitung trauender Menschen. Das Buch ist also eine Lebenskunde der besonderen Art.

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Weisheit und Häßlichkeit

Balsam für die Seele

Die jüdische Erzählkunst versteht es, scheinbar kleine Probleme ernst zu nehmen und der Lösung zuallererst ein sehr heilsames Lächeln abzugewinnen. Mit diesem Lächeln wird Mut gemacht. Mut, seinen Blickwinkel vielleicht etwas zu verändern, den Horizont zu erweitern. Dazu ist oft nur ein kleiner Schritt not-wendig, und die Welt schaut anders aus.

Der besonders weise Rabbi Jehoschua ben Chana war mit außergewöhnlicher Häßlichkeit gezeichnet.

Nun geschah es, daß die Kaisertochter bei seinem abschreckenden Anblick ausrief:

»Schade, daß so viel Weisheit in einem so häßlichen Gefäß aufbewahrt wird!"

Der Rabbi aber fragte sie zu ihrem Erstaunen daraufhin: "Worin bewahrt dein kaiserlicher Vater seinen Wein auf?" Sie antwortete: "In irdenen Gefäßen."

,,Darüber muß ich mich sehr wundern", sagte der Rabbi. »Als ein Kaiser müßte dein Vater doch ein so kostbares Getränk wie den edlen Wein auch in kostbaren Gefäßen aufbewahren. In goldenen und silbernen und kunstvollen Krügen."

"Du hast recht", sagte die Kaisertochter; und sie redete ihrem Vater zu, den Wein von nun an in silberne und goldene Krüge füllen zu lassen.

Die Folge war; daß der Wein sehr rasch sauer wurde. Der Kaiser war darüber sehr zornig. Als er erfuhr; daß Rabbi Jehoschua seine Tochter auf den seltsamen Gedanken gebracht hatte, stellte er ihn zur Rede.

Der Rabbi erklärte dem Kaiser; daß er seiner Tochter nur eine verdiente Lektion erteilen wollte für eine kränkende Bemerkung.

"Es gibt doch aber auch", bemerkte der Kaiser; »schöne Menschen, die durch große Gelehrsamkeit und Klugheit ausgezeichnet sind!"

,,Ganz bestimmt! Ab er wären sie häßlich, würden sie noch gelehrter sein", sagte der Rabbi und ging seines Weges.

Krankheit und Gebrechen werfen mich aus der ,,Norm". Ich bin stigmatisiert, habe Angst vor neugierigen und mitleidigen Blicken, schäme mich... Und niemand weiß, was eigentlich »normal" ist!

Sicher ist es nicht das Werbebild von ,,immer jung, fit, leistungsfähig und fröhlich".

Sicher ist sie nicht die getrimmte, geglättete, silikongepolsterte, oft genug makaber gewordene ,,Schönheit", mit der wir ständig bombardiert werden.

Schönheit hat vor allem etwas mit Wohlbefinden zu tun. In meinem Körper müssen sich meine Seele, mein Geist wohlfühlen können, nicht aus der Haut fahren wollen.

Marie wollte nicht mehr vor die Tür gehen. Vor fünf Wochen war ihr Mann gestorben. Sie erzählte mir: ,,Ich mag gar nicht mehr hinausgehen. Meine Haare sind so grau geworden, ich schau so alt aus. Die Leute kennen uns nur gemeinsam. Jetzt bin ich allein Komische Blicke folgen mir. Beim Greißler ist es plötzlich still, wenn ich hereinkomme. Jeder hat so einen mitleidigen Ton in der Stimme. Das ist alles wie ein Spießrutenlauf. Im Kaffeehaus setzt sich niemand zu mir. Und wenn doch, dann kommt immer die Frage, ob ich Hilfe brauche. Ich bin doch nicht hilflos! Wieso kann niemand mehr ganz normal mit mir reden?" ,,Gehst du trotzdem mit mir essen?" fragte ich.

Marie nickte unsicher.

An unserem Nebentisch saßen einige junge Leute. Als der Kellner unser Essen brachte, sagte einer von ihnen: ,,Die Fette dort drüben sollte besser fasten!"

Er hatte mich gemeint und es laut genug gesagt, daß auch Marie und ich es hören konnten. Die jungen Leute lachten laut, und von anderen Tischen war man aufmerksam geworden. Blicke sagten: ,,Wie kannst du nur essen?" Marie legte ihr Besteck hin und sagte mit recht mitleidigem Ton: ,,Komm, wir gehen!" Jetzt mußte ich lachen. Ich schaute sie verwundert an. Das war doch genau das, was sie von allen als so schlimm erfahren hatte! Ich machte sie darauf aufmerksam. Dann stand ich auf, ging zum Nachbartisch und bat um den Salzstreuer ,,Es ist schön, Menschen zum Lachen zu bringen. Das ist eine große Kunst heutzutage", sagte ich zum charmanten Gesprächsführer und kehrte an meinen Tisch zurück. Das Essen war hervorragend. Marie ließ sich von meinem Genuß anstecken. Ich konnte Marie nur zu gut verstehen. In den ersten Monaten meiner Krebserkrankung veränderte sich mein Körper sehr .Ich hatte keine Haare mehr; war aufgedunsen, bleich, meine Haut war voller Ausschlag. In mir wuchs etwas bösartig und fremd. Ich wollte aus der Haut fahren, davonrennen, hatte nackte Angst. Ich spürte die Blicke. Belustigt oder voll Abscheu wurde ich gemessen. Auch neugierig und auffallend unauffällig. Ich konnte aber nicht aus der Haut fahren. Wenn ich leben wollte, dann mußte ich mit diesem fremd gewordenen Körper leben lernen, dann mußte ich mich wiederfinden darin!

Ich entdeckte, daß nicht alles in und an mir krank was Ich hatte mehr gesunde Organe, vor allem aber einen gesunden, wachen Geist, und auch meine Seele konnte der Krebs nicht zerfressen. Als meine Haare nachzuwachsen begannen, streichelte ich ganz unwillkürlich meinen Kopf. Es war wie Samt! Dieses Streicheln war genau das, was ich zu diesem Zeitpunkt am nötigsten hatte. Es waren meine eigenen Streicheleinheiten, die ich mir selbst zugestehen mußte und auch wollte. Das tat Leib und Seele einfach gut. Inzwischen schäme ich mich nicht mehr für meinen Körper Ich bin stolz darauf was wir gemeinsam geschafft haben! Ich bin wohl auch ein bißchen weiser geworden in meinem ,,irdenen Gefäß". Ich kann in meinen Vorträgen die Kostbarkeit eines Augenblicks Leben sogar weitergeben. Dieser ,,Wein" ist nicht sauer oder bitter; er ist etwas ganz Besonderes geworden.

Ich erzählte das auch Marie. Nach dem Kaffee beschlossen wir, zum Friseur zu gehen und uns einfach verwöhnen zu lassen.

"Sollen wir die grauen Stellen einfärben?" fragte der Meister Marie. "Nein, lassen Sie es, wie es ist. Nur einen flotten Schnitt machen Sie mir!"

Wir zwinkerten einander wissend zu.

(aus "Ach wie gut, daß jemand weiß...)

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