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"Die krebskranke Autorin schreibt aus ihrer tiefreligiösen
Persönlichkeit heraus, die ihre Wurzel im Glauben gefunden
hat."
Leiter, Karin E.
Der Trotzdem-Baum
Wurzeln am Felsen Gottes
104 Seiten; 20,5 x 12,5 cm; Broschur
€ 9,90.-
ISBN 3-7022-1718-5 |
Kommentar
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Vorwort
Was ist zu sagen, wenn nichts mehr zu sagen ist?
Karin Leiter schaut bewußt dem Letzten, das für sie nur ein
Vorletztes ist, ins Auge. Ein Mensch, der sich unaufhaltsam mit dem auseinandersetzt,
wovor die meisten Menschen zurückschrecken. Wir haben es verlernt,
das Problem des Todes zuzulassen. Von dieser jungen Frau können wir
lernen, uns hoffnungsvoll mit dem Sterben vertraut zu machen, an das Wunder
der Heilung zu glauben und dennoch zu beten "Dein Wille geschehe!"
Karin sieht ihren Kampf und die Auseinandersetzung mit Leid und Tod als
einen Akt der Solidarität mit uns Mitmenschen, die wir alle auf das
Letzte zugehen, die Gedanken daran aber oft verdrängen. Sie versucht
eine "Ars moriendi" - die Fähigkeit, sich auf das Letzte
zu besinnen - vorzuleben.
In diesem Buch spricht ein Mensch - nicht ein Übermensch. Karin Leiter
betet, leidet und glaubt an das verborgene Leben, das sich in ihr ankündet.
Nach der Vision des hl. Paulus sind wir alle auf diese Hoffnung hin, auf
Geburtswehen hin geschaffen: "Wir wissen, daß die gesamte Schöpfung
bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt." (Röm
8,22)
Manche Menschen werden berufen, Zeugen zu sein, daß die Kraft Gottes
in der menschlichen Ohnmacht sich deutlich zeigt. Karin hat die Herausforderung
angenommen. Sie vergleicht sich mit jenen Bäumen in den Felsennischen,
die nur wenig Erde haben und trotzdem wachsen und hundert Jahre und älter
werden. Da ist ein Mensch, der von Kindheit an mit sich ringen mußte.
Ihr Glaube ist, wie sie sagt, ein "sturmbewährter" Glaube;
ein Trotzdem-Hoffen und -Glauben. Das ist der Wurzelgrund, aus dem ihre
Gedanken, Gedichte und Weisungen wachsen.
Wir brauchen in unserer Zeit Zeugen, die sich trotz aller Leiden mit ihrer
ganzen Existenz für den Glauben an den Sinn des Lebens einsetzen.
Wie notwendig , sind Menschen, die sich nicht von der Resignation verschlingen
lassen! Als Grenzgängerin zwischen zwei Welten begann Karin Leiter
zu schreiben und hat damit vielen Menschen die Weichenstellung für
ein neues Leben ermöglicht. Es ist ein Unterschied, ob wir als gesunde
Menschen in gemütlicher Runde über den Sinn des Lebens diskutieren
oder ob ein Mensch mit vielen Metastasen im Körper vom Krankenbett
aus über den Sinn des Leidens spricht oder schreibt. Karin Leiter
ist ein Geschenk für uns! Ein junger, aktiver Mensch wird krank,
todkrank, und beginnt, sich radikal mit sich und den anderen auseinanderzusetzen.
Hätte Karin Leiter ohne ihre Krankheit ihre innere Welt geoffenbart?
Alle Botschaften der Menschen sind gespeichert. Wir dürfen aus diesem
Schatz der Erfahrungen entnehmen, was wir in der Stunde der Herausforderung
brauchen. Was Karin geschrieben hat, hat sie vorher erfahren, gefühlt,
erlitten, gefeiert. Texte, Gedichte, Gedanken, Anstöße, Berührungen,
Konflikte, Versöhnung, Spannungen, Harmonie... ein weites Feld ist
ihre Seele! Sie ist auf ihre Weise zum Wort, zum Gedicht geworden. Ihre
Worte berühren uns fragende, geängstigte, glaubende Menschen.
Wie viele können schon von sich sagen, sie hätten noch keine
Angst vor dem Tod empfunden! Karin Leiter zeigt einen Weg der direkten
Konfrontation mit dem Tod. Sie vertraut dem Auferstandenen und glaubt
an die Vereinigung mit Jesus Christus in der großen Familie bei
Gott. Sie ist sich gewiß, daß sie selber zwar einen Körper
hat, den der Krebs zerstören kann, daß sie selbst aber mehr
ist. Sie hat einen Körper, aber sie ist nicht der Körper! In
diesem Bewußtsein, im Bewußtsein der inneren Würde, in
der Gewißheit, daß sie Seele ist, Leben ist, ja Kind, Tochter
Gottes ist, konnte sie so deutlich, so hoffnungsvoll, so lebendig mit
dem Letzten ringen. Ihr Ringen kann nicht ungeschehen gemacht werden.
Es bleibt vor allem im Gedächtnis jener, die bereit sind, sich wie
sie zu öffnen, den verborgenen Gott im Leben der sichtbaren Menschen
zu erkennen. Das Letzte ist nicht der Tod, sondern die Liebe! Eine Liebe,
die einen neuen Himmel, eine neue Erde, einen neuen Leib, den inneren
Menschen gebären wird.
Die Worte von Karin Leiter begleiten uns auf den Wegen und den Umwegen
unseres Lebens. Mit ihrem unzerstörbaren Vertrauen ist sie vielen
todkranken Mitpatienten im Sterben beigestanden. Sie kann auch uns Hilfe
sein auf dem Weg der Reifung. So wird sie zum Weizenkorn, das fruchtbar
geworden ist.
Die Quelle ihrer Kraft ist Jesus Christus, der sich selbst mit dem Weinstock
vergleicht. Als lebendige Rebe ist sie mit dem Weinstock verbunden. Sie
bezeugt, was Paulus verkündet hat: "Ich bin gewiß: Weder
Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges
noch Zukünftiges, weder Gewalt in der Höhe oder Tiefe, noch
irgendeine andere Kreatur können uns trennen von der Liebe Gottes,
die in Jesus Christus ist, unserem Herrn:" (Röm 8,38ff)
Martin Gutl
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Der
Einsiedlerkrebs
Da hat einer einen Nierenstein, der andere ein Magengeschwür, eine
Grippe, eine Lungenentzündung. Und es ist auch ein Nierenstein, ein
Magengeschwür, eine Grippe, eine Lungenentzündung.
Nur bei dem einen, unaussprechlichen, vielfältigen Krankheitsbild
gibt es hundert Namen, ohne es beim Namen zu nennen. Da ist ein Gewächs,
ein Tumor, eventuell bösartig, man müsse erst schauen... ein
POSITIVER Befund - welche Ironie! Die Suche nach den eben malignen Zellen
war positiv, man war also fündig geworden. Oder das Karzinom - klingt
auch nicht so elektrisierend wie dieses eine Wort KREBS.
Krebs als Tier, nicht gerade als Haustier, am ehesten noch in Dillsoße
die Schwänze... Krebs als Sternzeichen - zugegeben, ein bißchen
schwierig, aber wer ist das nicht... Aber nein, da ist einer im eigenen
Körper von diesen Viechern, und mit einem Schlag ist man sich selbst
unheimlich, spürt das Stigma. Und wenn dann der Schädel kahl
ist von der Chemotherapie, dunkle Ringe um die Augen bleiben, der ganze
Mensch einfach krank aussieht, bricht das Stigma auf
Blicke, neugierig, mitleidig, verhalten, offen messend - der Spießrutenlauf
beginnt. Jeder Befund wird zur Tageszeitung, einzig wichtige Nachricht.
Keine Antwort auf tausend Fragen, hundert Warums. Mauern in sich und um
sich, weil das Wort so schwer... Ich habe Krebs - das muß erst auf
der Zunge zergehen, man muß hineinbeißen, um es hinunterwürgen
und schließlich wieder auskotzen zu können.
Menschen, die den Totengeruch schon in der Nase haben, fliehen sehr bald,
auch die Angsthasen, die vor allem vor sich selber auf der Flucht sind.
Nur nicht nachdenken, es könnte morgen schon mich... Eine Zeitlang
verstehen sich mein Körper und ich nicht mehr, wir sind böse
aufeinander, ich kann nicht davonrennen, nicht aus der Haut fahren, nicht
über meinen Schatten springen. Also Angriff - also Kampf und vor
allem Lebendigkeit. Nicht nur biologisch leben, sondern LEBEN, mit jedem
Atemzug bewußt neue Dinge entdecken, auf Abenteuer gehen, in einen
einzigen Tag hinein. Das Heute zählt!
Ich will nicht schweigen, will nicht ersticken am Wort. Ich spreche es
aus, rede über den Krebs, über meinen Krebs - das Unvorstellbare
passiert: ich muß alle trösten, daß ich krank bin! Ich
bin ein Einsiedlerkrebs. Die Sorge, wenn dir was... na ja, im Spital wüßten
wir dich versorgt... Jetzt lerne ich erst, was Kampf heißt. Ich
kämpfe mehr um meine Selbständigkeit, um meine Eigenverantwortung
als gegen den Krebs. Diese tägliche Herausforderung ist es, die mich
aufrecht hält, mich aus dem Bett jagt, weil ich mir etwas zu essen
machen muß, mich waschen will. Der Sieg über drei Stockwerke
ohne Lift wird immer schwieriger. Der Tiroler Freiheitskampf hält
mich aufrecht, macht mir Spaß, ja Spaß, weil ich mich diebisch
freue, wenn ich meinem verflixt flauen Körpergefühl ein Schnippchen
schlagen kann.
Der Einsiedlerkrebs geht aus seiner Klause hinaus und holt sich ein Stück
Welt zurück. Wenn man dich so sieht, man möchte nicht meinen,
daß du... Ich bin gesund in der Seele, das strahlt über den
Krebs hinaus. Der Störenfried soll mich nur erst kennen lernen -
und ihr mich auch! Meine Fröhlichkeit ist ansteckend, ich bin eine
Naturkatastrophe, sagt einer, eine Lawine, die mitreißt in einen
haltbaren Optimismus. Es gibt für mich keine tausend Fragen mehr,
weil Gott mich festhält und mir nichts passieren kann. Mehr als in
IHN hineinsterben kann ich nicht, wenn es zu diesem Leben nicht mehr reichen
sollte. Nur hin und wieder tut es gut, wenn den Schmerzen nicht Tapeten
zum Opfer fallen, die mit den Fingernägeln bearbeitet werden, wenn
der Aufschrei nicht ins Leere geht. Sich hin und wieder festhalten an
einer Hand, den Schrei in eine Brust vergraben dürfen...
Da bricht tiefe Verletzlichkeit auf und ein Aufbäumen, weil hier
auch gleich der Krankenhaustext eingebracht wird, weil hier nur noch eines
steht: Belastung sein! Zwischen Monaten Einsiedlerkrebs einige Tage diese
Sehnsucht stillen - jedes mal nicht rechnen mit der eh schon bekannten
Reaktion. Ich zerstöre dann ja immer die Illusion, die meine Fröhlichkeit
vermittelt, und mit einem Schlag wird es offenbar: du bist krank!
Vor allem bin ich unbequem, weil ich herausfordere. Ich breche Tabus mit
meiner Offenheit und stelle die Christlichkeit in Frage - was wohl das
Schlimmere ist?
Vielleicht lebe ich noch lange genug, um darauf eine Antwort zu finden.
Neugierig wär' ich schon...
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Culpa
nostra
(aus K.E.Leiter "Der Trotzdem -Baum", Tyrolia)
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