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Leiter, Karin E.
Deine Liebe schmeckt wie Erde
Meditation zu den Gärten der
Hl. Schrift
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Das
alte Lied
"Das Lied der Marguerita" ist ein kleines rätoromanisches
Epos aus dem 13. Jahrhundert. Ich habe es nur ein einziges Mal von einer
alten Bäuerin gesungen gehört. Und doch konnte ich es nie mehr
vergessen. Dieses alte Lied scheint mir die zeitlose Aktualität eines
Prophetenwortes, ja eines biblischen Gleichnisses zu haben: Im 13. Jahrhundert
ist es den Frauen verboten, als Hirtinnen oder Sennerinnen auf Almen zu
arbeiten. Dort wird aus der Milch Käse und Butter hergestellt. Eine
"unreine" Frau darf da nicht helfen!
Marguerita will aber nichts anderes. Sie verkleidet sich als Hüterbub
und geht auf die Alm. Die Tiere lieben sie, und die Senner sind sehr zufrieden
mit ihrer Arbeit. Marguerita ist glücklich. Viele Wochen hindurch
bemerkt niemand ihr Geheimnis.
Eines Tages kommt ein Gewitter auf. Der Donner schreckt eines der Schafe,
und das Tier rennt davon. Einer der Hirten und Marguerita laufen sofort
hinterher. Plötzlich stolpert sie über einen Stein und Fällt
hin. Dabei verschiebt sich ihre Felljacke. Der Hirte sieht die eine nackte
Brust.
Marguerita bittet ihn inständig, sie nicht zu verraten. Sie will
ihm ihre Kuh schenken, ihm eine besondere Quelle zeigen, sie will ihm
alles geben, was sie hat.
Der Hirte schüttelt jedesmal den Kopf und sagt nur: ,,Nein, ich muß
allen sagen, daß hier eine Frau verboten auf der Alm ist!"
Schließlich rennt er zurück zur Hütte und erzählt
es den Sennern. Als Marguerita mit dem verschreckten Schaf zurückkommt,
wird sie von der Alm verwiesen. Die Frau geht in die Hütte und nimmt
Abschied vom Herd und von allem Gerät.
Das Feuer im Herd erlischt, und Töpfe und Pfannen verrosten. Die
Frau nimmt Abschied von den Kühen und Schafen im Stall.
Die Kühe haben keine Milch mehr, und die Wolle der Schafe wird matt
und dünn.
Die Frau geht weinend auf die Weide und verabschiedet sich von den Wiesen.
Die Wiesen trocknen aus, und der Boden verkarstet. Die Frau verabschiedet
sich vom Bach.
Die Quelle versiegt, Fische und Frösche sterben. Die Frau nimmt Abschied
von den wenigen Bäumen hier oben.
Die Äste und Zweige verdorren, ihre Nadeln fallen ab und die Wurzeln
sterben.
Die Frau nimmt Abschied vom Himmel über den Gipfeln.
Der Regen schmeckt sauer, die Sonne sticht heiß in den Boden, und
die Wolken werden schwefelgelb.
Die Männer sehen es. Aber Marguerita muß gehen, weil hier auf
der Alm keine Frau sein darf...
(Aus K.E.Leiter "Deine Liebe schmeckt wie Erde",
Tyrolia)
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