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"Biblisch nachempfundene Weisheits- und Liebesgeschichte, deren Schluß einen überraschenden Anfang setzt."

Leiter, Karin E.
Nichts-Nutz
Stein-reiches Bibel-Leben. Eine Novelle
144 Seiten; 9 sw. Abbildungen d. Autorin;
20,5 x 12,5 cm; Broschur.
€ 11,90.-
ISBN 3-7022-1803-3

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Einleitung Leseprobe
Einleitung Der Stein des Anstosses

Einleitung

"Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach." Plötzlich wurde dieser bekannte Evangeliumssatz zum "Stein des Anstoßes" für die Autorin. Sie nahm ihn auf und befaßte sich intensiv damit. Was sie entdeckte, setzte in ihr eine wahre Steinlawine in Bewegung. Sie begann, Steine in der Bibel zu suchen: die ganz realen, harten Brocken. Ein buntes, vielfältiges Bild, eine stürmische Betrachtung bot sich - und eine biblisch nachempfundene Geschichte entstand: die Begegnung mit dem "Sandalenmann" im Haus des Lebens, dem jüdischen Friedhof.
Weisheits- und Liebesgeschichte, dicht, lebendig, ernst und fröhlich, deren Schluß einen überraschenden Anfang setzt.

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Der Stein des Anstoßes

Die letzten Wochen waren ein einziger Sturm gewesen. So viele Schicksale, Geschichten waren mir in vorher fremden Menschen begegnet. Es war höchste Zeit, müde in meinen Lehnsessel im Haus des Lebens zu sinken und den Frühling meinen letzten Wintersturm ordnen zu lassen. In meiner Hand lag ein abgeschliffener grauer Stein. Gerade so groß wie meine Handfläche. Ein schneeweißes Kreuz war schwungvoll in ihn gezeichnet. Es sah aus wie aufgepinselt. Aber es durchzog ihn ganz,denn auf der Rückseite durchfurchte es ihn auch. Wo war eigentlich die Rückseite meines Steins?

,,Möchtest du vor dem Vortrag noch in die Kapelle gehen?" hatte mich Schwester Johanna gefragt. Eine große Gruppe Schüler sollte gleich den Saal füllen. ,,Nein, ich gehe noch etwas vor’s Haus", hatte ich entschieden. Ich wollte mit mehreren Klassen der Oberstufe über Leid, Sterben und Glauben diskutieren. Einen Vormittag lang. Die Stille vor dem Haus tat gut. ,,Da bin ich, mein Gott. Geh mit mir!" betete ich noch und ließ meinen Blick von den Wolken auf den Boden fallen. Rund um das Haus lagen viele Steine aufgeschüttet. Meine Augen blieben an diesem einen grauen Kreuzstein hängen. Ich hob ihn auf, streichelte ganz unwillkürlich über seine Rundung und brachte ihn in meinen Vortrag mit. Es war mein 34. Geburtstag. Ein göttliches Geschenk! Die Schüler hatten mir noch ein anderes Geschenk gemacht: einen wunderschönen, tiefen und lebendigen Vormittag voll Offenehit und Fragen

Johannes vom Kreuz ist der Namenstag an meinem Geburtstag. Am Abend war ich mit einem lieben Freund im Gottesdienst gewesen. Aber ich konnte die Messfeier kaum mitfeiern. Ich wollte den jungen Karmeliten eigentlich nur fragen, woher er denn so große Angst hätte. Seine ganze Predigt wurde für mich zu einem Aufschrei von Lebensangst. Am liebsten hätte ich ihn einfach in die Arme genommen und mit Jesus gesagt: "Fürchte dich nicht!" Ich war völlig aufgewühlt an diesem Abend.

"Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach!"

Dieser altbekannte, wohl hundertmal gelesene Satz fiel plötzlich wie ein Keulenhieb und zerschlug mir meinen Frieden. War es die Interpretation des Paters oder der Satz an sich? Alles in mir bäumte sich mit einem Mal auf.

"Nein, so nicht!" schrie ich heraus. Die folgende Diskussion mit dem Freund half mir auch nicht weiter. Ich musste an die Stelle denken, wo Petrus Jesus verleugnete. Gab es zwei verschiedene Worte? War dieses Verleugnen ein anderes Wort als das Verleugnen von mir selbst?

Petrus hatte gesagt: "Nein, ich kenne ihn nicht!" Sollte ich zu mir selbst sagen: "Nein, ich kenne mich nicht?"

Wenn dieses Wort nur eine Bedeutung hat, dann war das die logische Folge.

Wie sollte ich aber dieses Nein sagen, mich nicht kennen, wenn sofort darauf die Aufforderung kommt, mein Kreuz auf mich zu nehmen? Was ist dann mein Kreuz? Wer bin ich dann noch? Wer sollte mich noch beim Namen rufen, wenn ich mich selbst nicht mehr kenne?

Unzählige Fragen wühlten mit einem Mal in mir. Meine Hoffnung war nun ganz konkret, dass die deutsche Übersetzung einfach ungeschickt und mangelhaft war, wie so oft. War nun in der lateinischen Fassung ein eigenes Wort für dieses Verleugnen bei mir selbst und dem Verleugnen bei Petrus verwendet worden. Die Hoffnung hielt nur bis zum Morgen. Nein, es war das gleiche Wort.

Als ich von meiner Vortragsreise zurückkam, fragte ich meinen Beichtvater, wie das denn im Griechischen sei. Er brachte mir Fotokopien aus einem theologischen Wörterbuch mit.

"Leugnen" heißt also "abschlagen, verweigern, ablehnen" und "Verwerfen". Als Gegensatz dazu steht "geben, gewähren für sich und andere". Es folgten nun drei Seiten lange Erklärungen über Verleugnung. Aber wesentlicher Konsens bleib die Verleugnung des Petrus und die Verleugnung der Wirklichkeit Jesu durch die Juden. Irgendwie verkrampfte mich dieses Wortspiel noch mehr. Der Jude Jesus war für alle Menschen da, nur wollten oder besser konnten viele den Messias in ihm nicht sehen. Die langatmigen , oft verwirrenden Ausführungen halfen mir aber bei meinem Problem nicht.

"Ich verleugne mich selbst" - wenn ich diesen Satz in alle Punkte dieser Ausführungen einsetzte, wurde es noch unmenschlicher, verlor alles an Boden. - Die letzten fünf Zeilen der drei Seiten waren nun endlich ,,meinem" Satz gewidmet:

,,Ich soll mich nicht zu mir, zu meinem Wesen bekennen und mich an mir festhalten, sondern mich in radikalem Verzicht auf mich selbst (nicht nur auf meine Sünden!) preisgeben." Die Betonung des Theologen in diesem Satz hat mich betroffen gemacht.

Und jetzt? Muß ich mich nicht zuerst zu mir selbst bekennen, mein ganzes Ich kennenlernen - und auch lieben lernen, wie Christus es schließlich mit Nachdruck fordert im Liebesgebot, um mich dem Herrn wirklich ganz zur Verfügung stellen zu können? Und bin nicht ich es, mit meinen Fähigkeiten, meinem Wesen, meinem Leben, die sich gibt als Sein Werkzeug?

,,Nicht mehr ich lebe sondern Christus lebt in mir", sagt Paulus und ich kann diesen Satz nachvollziehen. Aber dazu muß ich mir meines Seins bewusst werden, muß ich mich zu Ihm hinleben können. Paulus sagt nicht, daß Christus statt meiner lebt sonder in mir!

Jedenfalls hat mich das Griechische auch nicht weiter gebracht. Jetzt wollte ich dem jüdischen Denken nachgehen. Schließlich war Christus ein Jude und Sein Denken und Leben jüdisch geprägt. Wir Christen sind jüdische Kinder und ich sollte vielleicht einfach bei den Vätern nachfragen.

Ich rief also eine Freundin an, die Hebräisch Deutsch als Muttersprachen hat und ihre Übersetzungsarbeiten aus dem Alten Testament als ihre vorrangige Lebensaufgabe und ihr Gebet sieht...

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