Zur Euthanasie


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Aus den Dokumenten im Anhang des Buches

Artikel in der "Zeit" 36/2001

S T E R B E H I L F E

Der Advokat des Todes

Wer sich beim Sterben helfen lassen will, fährt in die Schweiz. Ludwig A. Minellis Organisation Dignitas leistet Beihilfe zum Selbstmord und ist offen für ausländische Klientel

Von Urs Willmann

Dienstagnachmittag würde nicht so passen. Da habe er einen "unverrückbaren Termin". Die Beerdigung seiner Mutter. Aber am Vormittag sei es bestens. "Kommen Sie zum Frühstück?"
In den Garten von Ludwig A. Minelli*, Generalsekretär der Schweizer Sterbehilfeorganisation Dignitas, scheint eine warme Sonne. Der Rechtsanwalt lebt auf der Forch, Zürcher Oberland. Ein herrlicher, ein nicht ganz billiger Flecken. Man wohnt nah am städtischen Klienten, aber es ist ländlich genug, um sich frühmorgens gepflegter Gartenflora zu erfreuen: fleischige Kamelien, eine Rarität nördlich der Alpen. Auf dem Tisch duftet knuspriges Brot, der Käse dehnt sich in der warmen Luft. Und fleuchendes Getier umschnüffelt den frisch gepressten Orangensaft.
In diesem Rahmen ist das Thema Tod von einer gewissen Leichtigkeit. Minelli, exzellenter und gut gelaunter Gastgeber, erfreut den Besucher mit einer Erfolgsgeschichte. Der Verein Dignitas - Menschenwürdig leben - Menschenwürdig sterben ist gerade schuldenfrei geworden. Dank einer "größeren Beitragsleistung eines Ehepaars". Gern teilt man diese Freude und möchte am liebsten dazu gratulieren, dass die Kundschaft der Organisation, die seit drei Jahren Freitodhilfe anbietet, wächst. 14 Beihilfen zum Selbstmord in den ersten beiden Jahren zusammen, 15 allein im dritten Jahr.

Nicht nur Schweizer schätzen die Dienstleistungen von Dignitas. Insbesondere den Deutschen ist die Organisation eine wichtige Adresse geworden, bleibt ihnen doch der Service im eigenen Land aus juristischen Gründen versagt. Die Mitwirkung an Selbsttötungen, und sei es nur durch Ausstellen eines Rezepts für ein Medikament, gilt unter deutschen Medizinern als unethisch. Und so sind bisher elf Deutsche zum Sterben zu Dignitas ins südliche Nachbarland gereist. Minelli rattert schnell ein paar Fälle herunter, die keinen Zweifel zulassen, dass hier Gutes getan wurde: eine 61-Jährige mit schwerem Unterleibskrebs, ein 52-Jähriger, der an einer Schrumpfung des Kleinhirns litt, ein 58-jähriger Kehlkopfkrebs-Patient, eine 79-Jährige, die an Gehirnentzündung und Parkinson erkrankt war.
"Kaffee oder Tee?", fragt Minelli. Er habe 40 Sorten Tee. Ein Gast habe ihn mal einen "Teeologen" genannt. Und zum ersten Mal an diesem Morgen nutzt Minelli die Gelegenheit, den eigenen Witz zu belachen. Es ist ein schnelles Lachen. Es kommt schneller als das seines Gegenübers. Die Ergänzung klingt genauso routiniert platziert wie jeder Kernsatz Minellis zu den eigenen Leitbildern: "Teeologie ist die einzige Theologie, die ich akzeptiere." Das Lachen verlässt fast geräuschlos den aufgesperrten Mund, es klingt wie das Fauchen eines Schwans, in dessen Territorium ein Tretboot eingedrungen ist. Und wo er gerade beim Religiösen ist: "Im Übrigen ist mir egal, nach welchem Irrtum einer selig werden will."
Der Gast hört fast pausenlos zu. Minellis Kernsätze, die Würze seiner rhetorischen Trommelfeuer, haben den umtriebigen Anwalt im Eidgenossenland berühmt und berüchtigt gemacht. Als Journalist bei der Tat, für die Boulevardzeitung Blick und als Schweizer Spiegel-Korrespondent von 1964 bis 1974 zog er stets kräftig vom Leder. Genauso als Talkshow-Gast oder Radioautor, wobei er es stets glänzend verstand, sämtliche Register von Bosheit, Häme und Ironie zu ziehen. Mal bezichtigte Minelli Parlament und Bundesrat eines "kollektiven Schurkenstreichs". Mal bezeichnete er Politiker als "altbackene Penisträger" oder "aufgeblasene Provinznullen", die "vom Biersaufen und vom Führen eines Jauchewagens" mehr verstünden als von Staatsführung. Den Papst schimpfte er einen "polnischen Druiden", und als Ghostwriter für den kürzlich verstorbenen Grossisten Karl Schweri (Denner AG) wetterte er zum Thema Fleischpreise über die "Schweine-Politiker" und "Schweine-Bürokraten" und bezeichnete das Schweizer Agrarsystem als "total korrupt".

25 Franken Mitgliedsbeitrag

Doch inzwischen hat der Journalist Minelli sich verwandelt in den Juristen Minelli. Spät studierte er Recht und wurde mit 54 Jahren Rechtsanwalt. Heute ist er 69. Als Gründer der Schweizerischen Gesellschaft für die Europäische Menschenrechts-Konvention kämpft er seit 1977 regelmäßig und erfolgreich in Straßburg. Vor einheimischen Gerichten legt er sich für Persönlichkeitsrechte und gegen ihm missliebige Journalisten ins Zeug. Als die Zürcher Weltwoche sich 1993 traute, ohne Minellis Einwilligung dessen Wandlung vom aggressiven Schreiber zum Züchtiger der Presse zu beschreiben ("Wenn der alte Wilderer zum Jagdaufseher wird"), klagte er wegen Ehrverletzung. Acht Jahre lang, bis zum vergangenen Juni, stritt er mit dem Blatt vor Gericht. Allerdings ohne Erfolg.

Mit Verve und unzimperlichen Voten kämpft Ludwig Amadeus Minelli derzeit für das Recht eines jeden, im Leben die Schlusskurve zum gewünschten Zeitpunkt zu nehmen. Wenn Bundesjustizministerin Herta Däumler-Gmelin irrige Vergleiche zieht ("Des isch alles Euthanasie"), zögert Minelli nicht, gegen Sterbehilfegegner mit der Nazikeule zurückzuschlagen: "Deren Schuld ist ähnlich wie die von verblendeten Nazis."
Die Möglichkeit, im Fall einer schweren Krankheit nicht jahrelang leiden zu müssen, sondern schnell und schmerzlos ins Jenseits zu gelangen, eröffnete 1918 in der Schweiz eine Botschaft des Bundesrats an das Parlament. Danach hält die Regierung nicht nur "die Überredung zum Selbstmord", sondern auch "die Beihilfe bei einem solchen" für "eine Freundestat". Beim Überreden und Beihelfen macht sich einer erst strafbar, wenn sich eigennützige Motive dahinter verbergen.

Grundsätzlich darf seither in der Schweiz jeder dem Freund die Waffe reichen oder mit ärztlichem Rezept ein tödliches Medikament besorgen. 150 Todkranke scheiden in der Alpenrepublik jährlich, assistiert von Sterbehelfern, aus dem Leben. Exit ist dabei mit über 50 000 Mitgliedern die mit Abstand größte Organisation. Doch als Mitglieder akzeptiert sie nur Schweizer Staatsbürger oder in der Schweiz lebende Ausländer. "Eine Diskriminierung", findet Minelli. Seine vor drei Jahren gegründete, mit 600 Mitgliedern viel kleinere Konkurrenzorganisation Dignitas ist daher auch offen für Klientel aus dem Ausland.

Allerdings würde Minelli nicht die Dummheit begehen, die "Freundestaten" selbst zu erledigen. Für das Sterbebegleiten hat er seine ehrenamtlichen Sterbehelfer. Die empfangen in der von Dignitas eigens dafür gemieteten Wohnung in der Zürcher Gertrudstrasse die Lebensmüden und rühren ihnen in einem Deziliter Wasser 15 Gramm tödliches Natrium-Pentobarbital an. Minelli selbst konzentriert sich auf seine Funktion als Generalsekretär: "Man muss die Führung vom Operativen trennen."

Eine praktische Konstellation - für die es delikate Gründe gibt. Sterbehelfer dürfen nämlich bloß Spesen verrechnen. Ließen sie sich Honorare auszahlen und würden damit einen persönlichen Vorteil aus dem Ableben eines "Patienten" ziehen, riskierten sie, mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten. Mit Zuchthaus bis zu fünf Jahren droht Artikel 115 des Schweizerischen Strafgesetzbuches. Deshalb betonen die Faltblätter von Dignitas die Ehrenamtlichkeit ihrer Sterbehelfer. Da diese für ihre Tätigkeit nicht bezahlt würden, "kann von selbstsüchtigen Motiven keine Rede sein. Dignitas arbeitet auf einer einwandfreien gesetzlichen Grundlage."

Anstatt für Gottes Lohn den Finger krumm zu machen, hat Rechtsanwalt Minelli für sich selbst ein besseres Anstellungsverhältnis arrangiert: "Ich bin ein Gegner der Ehrenamtlichkeit. Für solche Arbeiten kriegt man nur die, die etwas werden wollen, nicht aber die, die etwas sind." Also lässt Minelli das Sterbehelfen persönlich bleiben und darf daher als arbeitnehmender Generalsekretär seines Vereins die eigene Arbeit honorieren. Die Einnahmen stammen aus den Mitgliederbeiträgen. 25 Franken ist das Minimum. Der höchste freiwillige Beitrag eines Mitglieds bisher: 31 636 Franken.

Wie Minelli eingefädelt hat, dass ihm keiner reinreden kann - weder beim Beschließen noch beim Honorarbemessen -, ist eine Meisterleistung juristischer Vereinsgestaltung. Als er sich im Mai 1998 an seinen Schreibtisch setzte und die Statuten des Vereins niederschrieb, schaute er genau ins Schweizerische Zivilgesetzbuch. Dort stieß er auf die Möglichkeit von "Abweichungen vom Gleichbehandlungsprinzip" und die "statuarisch stimmrechtslose Mitgliedschaftskategorie". In keinem Punkt sollte ihm eine Basis dazwischenfunken können. Also genießen nur die Aktivmitglieder ein Mitspracherecht. Und deren Schar ist überschaubar: Sie besteht gerade mal aus ihm und einer seiner Töchter.
Vater Minelli und Tochter Minelli haben den Generalsekretär Minelli ernannt. Und der genießt fast uneingeschränkte Vollmachten: Als "leitendes Organ" entscheidet er einsam über "die Aufnahme von Mitgliedern aller Kategorien". Er kann Aspiranten "ohne Angaben von Gründen" ablehnen und Mitglieder aus dem Verein schmeißen.

So ist, wer im Minelli-Verein Mitglied wird, bloß ein so genanntes Destinatärmitglied. Er hat einzig Anrecht auf eine Dienstleistung - die Hilfe beim Selbstmord. Unumwunden räumt Minelli ein: "Dignitas ist ein diktatorischer Verein." Das kommt so ehrlich von der Leber weg über den Tisch, dass man sich verräterisch vorkommt, wenn man Minellis Begründung nicht hundertprozentig Glauben schenken will: "Das garantiert, dass die Arbeit geleistet werden kann."

Stolz und herzhaft beißt der Wohltäter in Käse und Brot. Der Sterbeverein ist ja nur einer von vielen Coups des emsigen Streiters für die Rechte des Menschen. Aber Minelli ist nicht ganz zufrieden. Denn bisher sind ihm beim Schalten und Walten doch noch Grenzen gesetzt. Das Betäubungsmittelgesetz schreibt vor, dass das tödliche Barbiturat von einem Arzt verschrieben werden muss. Ein Umweg, der dem Generalsekretär missfällt. Ers-tens sieht er nicht ein, was das Barbiturat unter den Betäubungsmitteln zu suchen hat: "Beim Selbstmord wird man eh nicht süchtig." Zweitens ist es ihm lästig, ständig auf rezepteschreibende Ärzte angewiesen zu sein.

Die Abhängigkeit vom medizinischen Fachpersonal will er schleunigst beenden. Erst beim Bundesamt für Gesundheitswesen, dann beim Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement hat er um eine Sonderbewilligung nachgesucht, über die bislang einzig die Uno und das Rote Kreuz verfügen: das Recht, ohne ärztliches Zeugnis die tödliche Droge zu beziehen. Die zuständigen Direktoren haben ihn vertröstet. Eine parlamentarische Initiative des Tessiner Nationalrats und Onkologen Franco Cavalli ist anhängig. Sie will das Strafgesetz dahingehend ändern, dass auch die Tötung auf Verlangen unter bestimmten Umständen erlaubt ist. Erst wenn diese aktive Art der Sterbehilfe geregelt ist, soll Minellis Begehren in Bern zur Sprache kommen.

Im Erfolgsfall hätte dieser freie Hand. Mit seinen "Freundestaten" könnte er dann nach Belieben auch die Klientel bedienen, bei der das Sterbehelfen bisher noch nicht gang und gäbe ist, auf die Minelli aber schon sein Augenmerk richtet: psychisch Kranke. Ein solcher Fall geriet 1999 in der Schweiz zu einem Skandal, als Exit einer 29-jährigen, körperlich gesunden Frau beim Suizid behilflich sein wollte - was im letzten Moment von den Behörden vereitelt wurde. Das Recht, selbst bestimmen zu können, wann das Leben zu Ende gehen soll, verlangt Minelli aber nicht nur für Kranke mit einem Leiden, das gemäß den Richtlinien der Schweizerischen Akademie der medizinischen Wissenschaften "unabwendbar zum Tod führt". Auch Depressiven will er über den Jordan helfen. Dignitas beabsichtigt, demnächst einer 36-jährigen, körperlich gesunden Frau beim Suizid behilflich zu sein. "Einen Arzt, der das Rezept ausstellen würde, habe ich", sagt Minelli.

Sterbehilfe auch für Depressive

Und natürlich schüttelt er auch zu diesem Fall einen guten Grund aus dem Ärmel: den Führer des Zugs, vor den sich die Frau stürzen könnte (wenn Dignitas ihr nicht helfen würde). Statistisch gesehen, überfährt ein Lokomotivführer in seinem Berufsleben einen Lebensmüden. Die psychischen Folgen sind enorm: Jeder dritte übt danach seinen Beruf nicht mehr aus.

Es gibt viele Arten von Kollateralschäden, wenn sich Leute umbringen: albtraumgeplagte Augen- und Ohrenzeugen, Verkehrsopfer, Sachbeschädigung. Eine florierende Suizidagentur würde sich da auch volkswirtschaftlich rechnen. Der Gedanke, bei Entscheidungen über Tod oder Leben eine Schlüsselrolle zu spielen, scheint Minelli zu behagen. Es ist faszinierend zu hören, wie viel Vertrauen der Anwalt der Menschenrechte in sein eigenes Urteilsvermögen hat. Mit wie viel Leiden die medizinische Diagnose "Bauchspeicheldrüsenkrebs" verbunden sei, das könne er ja wohl wissen: "Da brauche ich doch keinen Arzt dafür. Das kann ich selber entscheiden." Diese Kompetenz traut er sich bei psychischen Erkrankungen genauso zu: "Psychiater reden mal von manischer Depression, mal von Schizophrenie. Wer am meisten einen Psychiater braucht, sind doch die Psychiater selbst."

Und so fiebert er dem Tag entgegen, an dem sein Verein von dieser lästigen, bittstellerischen Pflicht befreit wird, sich Rezepte zu verschaffen. Dann redet dem "leitenden Organ" Minelli auch von außen keiner mehr rein. Dass die Idee von einer Gesellschaft, in der den Lebensmüden ohne juristischen Firlefanz tödliche Cocktails bereitgestellt werden, keine Novität darstellt, belegt Minelli mit einem Zitat von Giacomo Casanova. In der Schrift Über den Selbstmord und die Philosophen berichtete dieser, dass "Valerius Maximus zufolge" der Senat von Marseille öffentlich Gift an jene ausgegeben habe, "die glaubhaft versichern konnten, dass sie es benötigen".

Minelli könnte längst pensioniert sein. Aber als einer, der nichts lieber ist, als provozierender Hansdampf in vielen Gassen, hat er noch einiges vor. "Ich bin eine Kerze, die an beiden Enden brennt", sagt Minelli beim Aufbruch. In der Gewissheit, dass es sich bei ihm um eine sehr große Kerze handelt, zählt er schnell die Verwandten durch, die hundert oder fast hundert geworden sind. Dann fährt er den Gast - ausgestattet mit Minelli-Büchern - zum Bahnhof. Beim Schalten in den vierten Gang rezitiert er Goethe ("Beruf des Storchs"), es folgt die Anekdote "Minelli gegen die Schweiz", und in der letzten Kurve reicht's gerade noch für die Geschichte vom Schweizer Bundesratskandidaten, dessen Wahl er verhindert hat. "Wenn ich aufhöre", sagt Ludwig A. Minelli, "dann bin ich tot."

* Ludwig A. Minelli ist Generalsekretär des schweizerischen Vereins Dignitas - Menschenwürdig leben - Menschenwürdig sterben. Der 69-jährige Anwalt hat zuvor als Journalist unter anderem für die Boulevardzeitung Blick gearbeitet und war zehn Jahre lang Schweizer Spiegel-Korrespondent. Erst danach studierte er Jura, wurde mit 54 Jahren Rechtsanwalt und gründete die Schweizerische Gesellschaft für die Europäische Menschenrechtskonvention. Er klagt regelmäßig vor dem Europäischen Gerichtshof gegen politische Entscheidungen in der Schweiz.