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Zur Euthanasie
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Beas Abschiedsbrief
28. Mai 2001. Sonntag, halb sieben Uhr früh! Schlaftrunken verfluchte
ich das Telefon, dieses penetrante, unbarmherzige Weckmittel. Irgendwie
murmelte ich ein "Hmm?" in die Leitung.
"Karin, hier ist Gerrit, wach bitte auf! Bea ist tot. Sie hat sich
heute Nacht umgebracht!"
Ganz langsam fuhr der Stecker in die Dose und plötzlich knallte der
Scheinwerfer durch. Ich war hellwach: "Was ist los?"
Ich wollte sicher sein, da nicht irgendwas geträumt zu haben.
"Bea hat sich umgebracht! Sie hat sich vergiftet mit Tabletten und
Alkohol. Lag im Bett ihres Vaters. Der Hund hat Alarm gegeben, aber es
war alles zu spät. Wir suchen noch nach einem Abschiedsbrief."
Gerrit weinte.
"Habt ihr schon im PC nachgeschaut?" sagte ich laut denkend.
Ich war wie erschlagen.
"Wir reden später!" sagte ich schließlich und legte
auf.
Bea hat sich umgebracht.
Ich habe Bea nie persönlich kennengelernt. Und doch kannte ich sie
gut. Sie war Anfang vierzig, etwas jünger als ich. Vor zwei Jahren
war ihr Vater getötet worden.
Bea hat sich umgebracht.
Der Vater war Beas wichtigste Bezugsperson, vor allem seit sie selbst
Witwe geworden war. Der Vater, starker Mann der Familie, Firmenmanager,
Organisator, liebevoller Großvater. Der Vater, Herzinfarkttyp, für
den Fall des plötzlichen Todes alles geregelt. Denn so sollte es
sein: plötzlich und unbelastend, mitten aus dem "Leben",
was immer das heißen mochte.
Der Vater, der immer gesagt hatte: "Wenn ich Krebs kriege, dann will
ich schnell Schluß machen. Das wäre ja kein Leben mehr!"
Niemand hat ihm je widersprochen. Er hat es oft gesagt, oft genug, einen
Lebensgrundsatz daraus zu machen.
Dann kam die Krebserkrankung und nicht der "geplante" Herzinfarkt.
Jetzt galt dieser Grundsatz. Zehn Tage nach der Diagnosestellung war der
Vater tot. Euthanasiert. In den Niederlanden kein Problem.
Der Vater hat es immer so gewollt. Die Familie sah es auch so. Nur Bea
begann nachzudenken, hinterher. Vorher war keine Zeit dafür geblieben.
Sie fiel in ein tiefes Loch.
Gerrit, ein lieber Freund aus Amsterdam, war auch mit Bea befreundet und
schloß unsere Telefone einfach eines Tages kurz: "Bea braucht
Hilfe!" Über ein Jahr lang telefonierten wir zumindest zweimal
im Monat ausgiebig. Bea war schließlich auch bereit, in eine Therapie
zu gehen, um ihre Trauer, vor allem aber ihre Schuldgefühle aufarbeiten
zu können.
Bea hat sich umgebracht.
Ich saß beim Frühstück und ließ den Tränen
freien Lauf.
Als ich zwei Stunden später ein Mail verschicken wollte, kam eines
herein:
"Viel habe ich nicht mehr zu sagen, obwohl ich schreien möchte.
Krebs und zwei bis drei Jahre haben sie zu meinem Vater gesagt. Er hat
in gesunden Tagen immer davon gesprochen, daß er bei schwerer Krankheit
Sterbehilfe will.
Beide Euthanasieärzte haben zugestimmt. Niemand hat uns gesagt, wie
lange zwei Jahre sein können.
Niemand hat uns gesagt, daß Schmerzen, wenn überhaupt, dann
erst in den letzten Tagen wahrscheinlich sind.
Niemand hat uns gesagt, daß diese Schmerzen gut behandelbar sind.
Niemand hat uns gesagt, daß das befürchtete Ersticken durch
Medikamente verhindert werden kann. Da waren nur dauernd Fragen zu beantworten,
Erklärungen zu unterschreiben und alles drehte sich nur um den raschen
Tod. Zehn Tage hat es gedauert und keine zwei Jahre. Mein Vater hat das
Ersticken so gefürchtet. Dann lag er da, durch das Schlafmittel völlig
entspannt, nicht mehr fähig, irgend etwas zu tun. Dann das Gift!
Der Arzt hat gesagt: Jetzt ist die Atmung gelähmt, das Herz
wird gleich aufhören zu schlagen, weil es keinen Sauerstoff mehr
bekommt!'
Und wir saßen da und haben zugeschaut, wie er erstickt ist. Denn
genau das hat der Arzt so sanft umschrieben. Vater lag so friedlich da.
Er hatte gar keine andere Möglichkeit mehr.
Der Erstickungskampf war für uns nicht sichtbar. Niemand hat uns
das gesagt. Aber ich habe auch nicht gefragt. Es war ja alles so gewollt
und alles so klar. Ich habe nicht nachgedacht. Es ging alles viel zu schnell.
Es war keine Zeit, vielleicht einen anderen Weg zu finden. Zwei Jahre
ist es her. Heute.
Ich habe nicht gefragt. Das ist meine Schuld. Ich kann damit nicht mehr
leben. Mein Vater hat sich nicht selber umgebracht. Seine Verzweiflung
war dafür nicht groß genug. Aber ich habe nicht danach gefragt.
Meine Verzweiflung ist groß genug. Und ich will nicht irgendwann
einmal auch durch einen Arzt erstickt werden.
Ich will auch nicht, daß jemand schuldig wird an meinem Tod. Ich
möchte
niemanden in diese Hölle treiben, die ich erlebt habe. Gegen meinen
Schmerz
hat es in diesen zwei Jahren kein Mittel gegeben.
Es gibt keinen Trost, kein Verzeihen, nicht in dieser Welt. Ich kann so
nicht mehr leben.
Lebt wohl, Bea."
Bea hat sich umgebracht. Am zweiten Todestag ihres Vaters. Im Bett des
Vaters. Und wir FreundInnen hatten es nicht geschafft, ihr wieder ins
Leben zu helfen.
Für den Bruder, die restliche Familie war ihre Verzweiflungstat völlig
unverständlich. Der Vater hat seinen Tod doch immer so gewollt, ärztlich
war der Wunsch nach Euthanasie bestätigt und bezeugt worden. Gesetzlich
wurde es damals in den Niederlanden geduldet, heute ist es sogar ganz
klar legalisiert. Also, was war falsch daran?
Bea konnte nur den Vater nicht loslassen, hat sich da versponnen in Schuldgefühle,
kam mit dem Verlust nicht klar. Da kann man eben nichts machen. Nein,
es gab keine Fragen mehr zum Tod des Vaters. Das war alles in Ordnung.
Kein Kampf, kein Leiden, ein so friedliches Einschlafen...Bruder Jorge
zuckte die Schultern und wollte nicht weiter darüber reden, vor allem
aber nicht weiter darüber nachdenken.
Die unzähligen Gespräche mit Bea haben in meinem Herzen viel
bewegt. Das viel diskutierte Thema "aktive Sterbehilfe" war
für mich schon lange keine theoretische Auseinandersetzung mehr,
jetzt aber hatte es wieder einen neuen Namen, eine Not aus Fleisch und
Blut bekommen und war schließlich doppelt tödlich ausgegangen.
Die Niederlande waren längst nicht mehr "weit" weg. Es
war und ist keinesfalls egal, was dort geduldet und seit 10. April 2001
legalisiert worden ist. Das ist nicht einfach "Ländersache",
das ist wohl eine der größten Fragen an die Menschheit!
Ich kann und will Beas Not nicht verdrängen und auch nicht vergessen...
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