Zur Euthanasie


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Rezension von Bischof Bernhard Heitz

Nachdem die Grenzen, "wann beginnt menschliches Leben und wann endet es?" fließend geworden zu sein scheinen, sind wir in Gefahr, alle bisherigen Grenzen zu überschreiten. Weltweit ist eine - nicht nur für den Laien- verwirrende Diskussion über die Gentechnik, ihre Grenzen und Möglichkeiten entbrannt. Man verspricht sich sozusagen ewige Jugend und natürlich auch die Heilung aller möglichen Krankheiten und ein Mittel gegen Alter und Tod.

Angesichts der Versuchung, in der Forscher von Nobelpreisen, von Patentierungen gar und ganze Industriezweige vom großen Geld träumen, ist ein Dialog über die Ethik des diesbezüglich Machbaren zwischen Medizin, Philosophie und Theologie, zwischen Politik und Recht notwendig. In Österreich wurde eine Bioethikkommission eingesetzt.
Klonen als industrielle Massenherstellung von "menschlichem Material" ist völlig inakzeptabel. Wir stehen vor der Frage, ob nicht einmal mehr ein Tabuhorizont überschritten wird. Die Würde des Menschen, seine Selbstbestimmung und die Selbstermächtigung bzw. die Bemächtigung des Lebens überhaupt geraten in Konflikt. Letztlich lautet die Frage: was ist der Mensch und wer ist Mensch in seinem Gefüge, seiner Geschöpflichkeit, seines Verdanktseins, seiner religiösen Dimension und seines Eingebundenseins in einen religiösen und sozialen Kontext?

In jedem Fall aber ist und bleibt die leidensfreie und unsterbliche Zukunft hier auf der Erde eine Selbsttäuschung. Grundsätzlich zeigt sich in jedem Einzelfall immer der Unterschied zwischen theoretischer Beobachter- und persönlicher Teilnehmerperspektive, von objektiv und subjektiv, von theoretischem Wissen und komplexem Lebenswissen. Anders ausgedrückt: wir leben und wissen, dass wir sterblich sind.
Alles Leben ist Beziehung, Gnade und Liebe, ist Beziehung zu uns selbst, zur Mit- und Umwelt und letztlich zu Gott, der unser Schöpfer ist und der uns am Ende unseres Erdendaseins entgegen wartet.

Gegen die Manipulation des Lebensendes habe ich mich deshalb bereits 1998 in einem mit unserer Priesterin und Autorin Karin E. Leiter verfassten Dokument an alle Parteien des Österreichischen Parlaments gewandt. Darin heißt es u.a.: "wer das Recht auf Tod proklamiert, muss auch sagen, dass er damit das Recht auf Leben in Frage stellt. Sterbehilfe meint keineswegs Hilfe beim Sterben, sondern intendiert Hilfe zum Töten...
Die wissentliche, willentliche, vorbereitete und durchgeführte Tötung eines Menschen mit dem Begriff der Humanität zu verbinden, heißt Ethik und humanes Handeln auf den Kopf zu stellen...
Das Recht auf den Tod wird so leicht zur Pflicht zum Sterben...
Die resignativ-depressive Sterbephase zu verstärken oder zu missbrauchen, ist keine Kunst".

Der Maßstab im würdevollen Umgang mit sterbenden Menschen muss die Ausrichtung auf größtmögliche Lebensqualität und nicht auf - Quantität sein. Dazu gehört natürlich auch die Sicherstellung der Schmerzfreiheit. Als Kirche sind wir in besonderer Weise gefordert, das Leben und die Lebenswerte nicht nur zu schützen und zu bewahren, sondern wir sind mitverantwortlich, gewissensbildendes und ethisch empfindendes Bewusstsein für eine würdige Sterbekultur zu schaffen.

Ähnlich hat sich der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich geäußert, und die Politik hat dem in unserem Land Gottlob Rechnung getragen.
Zuletzt ist festzustellen: "Ethisch ist das Recht auf unversehrtes Leben und der Wert des Lebens unteilbar und unantastbar". Meines Erachtens stehen wir möglicherweise erstmalig vor einer weltweit notwendigen freiwilligen Selbstbeschränkung, wonach wir nicht machen wollen, was uns bedroht.
Freilich ist es gute altkatholische Tradition, dass persönliche Gewissensentscheidungen eines Menschen, die in unausweichlichen Notlagen getroffen werden, unseren Respekt verdienen. Sie sind so wenig Gegenstand des Strafrechts wie der Staat ethische Grenzüberschreitungen generell dekretieren darf.

Ich freue mich, dass das neue Buch unserer Priesterin Karin E. Leiter dem Anliegen des Lebens bis in die letzte Phase hinein so engagiert dient. Sterbebegleitung ist Lebensbegleitung.
Ich wünsche dem Buch, das aus einer reichen persönlichen Erfahrung und großem sozialem Verantwortungsbewußtsein heraus geschrieben wurde, eine weite Verbreitung auf allen Ebenen unserer Gesellschaft.

+Berhard Heitz e.h.
Bischof