Zur Euthanasie


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Dr. Verena Kienast in der Pflegezeischrift "ProCare" (März 2002)

Sterbehilfe
"Die gesetzliche Möglichkeit zur aktiven Sterbehilfe ist nicht Ländersache, sondern Menschensache." Daher sollte sich jeder damit auseinandersetzen - auch oder gerade weil es ein Tabuthema ist und weil jeder davon betroffen sein kann. Karin Leiter, unter anderem Diplomkrankenschwester, altkatholische Priesterin, Mitbegründerin der österreichischen Hospizbewegung und selbst Hospizpatientin, freie Künstlerin und Autorin engagiert sich seit Jahren in der Diskussion über den Umgang mit Sterbenden und Totkranken. Sie wurde von einer Befürworterin der Sterbehilfe zu einer Gegnerin und legt Ihre Argumente in "(K)eine Zeit zum Sterben" dar. Ausgehend von sehr persönlichen Erfahrungen, nämlich ihrer eigenen Krebsdiagnose mit der Prognose von drei bis vier Wochen, schildert sie ihre Überlegungen. Wie sie lernen musste, ihre Mitmenschen zu trösten, die von ihrer Erkrankung derart betroffen waren. "Lernte, dass sich Menschen zurückzogen, weil der Geruch des Todes manchmal sehr deutlich in der Luft lag. Lernte, dass Menschen voller Überraschungen sind, unberechenbar in ihrem Mut, ihrer Feigheit, ihrer Treue, ihrer Belastbarkeit, ihren Schwächen und Stärken. ...." Das war 1988. Aus den "drei bis vier Wochen" sind inzwischen 14 Jahre geworden. "Vierzehn Jahre Leben und Lebenserfahrung in einer Intensität, die ich nicht denken hätte können."
Die Feststellung, dass es unmenschlich ist, einen Menschen leiden zu lassen, habe eben, so Leiter, nicht den Folgeschluss, dass Euthanasie eine humane Lösung sein. Sondern jenen, dass man den Patienten entsprechend behandelt, um ihn nicht leiden zu lassen - mit entsprechender Schmerztherapie, mit psychischer Betreuung, mit dem gesamten Instrumentarium der Palliativbehandlung. Und genau das ist Leiters Credo: Die umfassende Betreuung des kranken Menschen mit seiner Familie, mit seinen Freunden, Nachbarn Arbeitskollegen. Jedes Therapie- und Begleitkonzept wird danach ausgerichtet und gemeinsam gestaltet und damit die Lebensqualität sichergestellt. Die Vision ist die Sinnorientiert Medizin und Pflege (SoMuP). Ein Punkt, der Karin Leiter in der Diskussion um medizinische Ethik meistens fehlt, ist die Frage nach dem Umgang, der von den Fachleuten des gesamten Gesundheitssystems gepflegt wird - mit sich selbst, mit den Kollegen und im Team mit den mitarbeitenden Berufen sowie mit den Patienten.
Historische Betrachtungen erklären die Entwicklung zur derzeitigen Situation und sehr viele, sehr persönliche Erlebnisse ergänzen das bewegende Argument für ein rücksichts- und liebevolles Umfeld für Schwerkranke und Sterbende, das alle mit einschließen soll. Die deutsche Justizministerin Herta Däubler-Gmelin und Hofrat Otto Huber verfassten je ein Vorwort. Im Anhang finden sich Dokumente und Texte, sowie Schautafeln für Unterricht und Vortrag zur aktuellen Diskussion, wie beispielsweise das Euthanasiegesetz der Niederlande im Wortlaut, das Genfer Gelöbnis im vollen Wortlaut, der WHO-Stufenplan zur Schmerztherapie-Grundlage und der Ludwigshafener Beschluss zur Sterbebegleitung
Eine Lesefreude zum Nachdenken. Und wer Karin Leiter schon einmal erzählen und argumentieren gehört hat, der hört diese dunkle, einprägsame Stimme mit dem Tiroler Dialekt auch beim Lesen mitschwingen.

Karin Leiter, (K)eine Zeit zum Sterben, 318 Seiten, ISBN 3-7022-2433-5, Tyrolia-Verlag Innsbruck 2002, EUR 19,90