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Rezension von Andreas Reinhold für kanzelgruss.de Nicht erst seit dem Inkrafttreten des niederlaendischen "Euthanasie-Gesetzes" wird in Politik und Gesellschaft darueber diskutiert, ob eine Legalisierung der aktiven Sterbehilfe rechtlich verantwortbar und ethisch vertretbar sein kann. Die "freiwillige" Selbsttoetung (Suizid) bzw. die Aufforderung zur Toetung der eigenen Person war schon immer ein - vor allem philosophisches - Problem. Habe ich das Recht, ueber meinen Tod zu entscheiden, so, wie es mir auch ueber mein Leben zugestanden wird? Gibt es Situationen, in denen es ethisch zu rechtfertigen ist, (m)einem Leben ein unnatuerliches Ende zu bereiten? Falls ja: Koennen solche Umstaende in einem in Worte gefassten Gesetzestext hinreichend beschrieben und moegliche Konsequenzen darin umfassend eingeordnet werden? In ihrem gerade erschienenen Buch: "(K)eine Zeit zum Sterben. Euthanasie - Problem oder Loesung?" beschreibt die Krankenschwester, altkatholische Priesterin und Mitbegruenderin der oesterreichischen Hospizbewegung Karin E. Leiter Konsequenzen der und Alternativen zur aktiven Sterbehilfe anhand ihrer rechtlichen Voraussetzungen und den zurzeit praktizierten Formen in Oesterreich, Deutschland, Holland, Daenemark und der Schweiz. Sie tut dies auf eine sehr persoenliche, oft emotionale Art und Weise - was nicht verwundert, wenn man bedenkt, dass sie selbst schwer krank und Hospizpatientin ist. "Die Auseinandersetzung zum Thema Euthanasie kann nie nur auf der sachlichen Ebene gefuehrt werden. Wer behauptet, dies sei ganz emotionsfrei moeglich, der ist entweder schon so abgebrueht, daß er nichts mehr fuehlt, oder er luegt sich und/oder anderen was vor." (127) Sie kennt also beide Seiten: die der Pflegenden wie die der zu Pflegenden und schoepft aus einem jahrelangen Erfahrungsschatz persoenlicher Begegnungen und Gespraeche mit Sterbenden, AerztInnen, PflegerInnen. Ihr Buch ist damit keine "objektive" wissenschaftliche Arbeit "ueber", sondern eine "subjektive" Auseinandersetzung "mit" diesem aeußerst komplexen Thema. Sie bezieht eindeutig Stellung: und zwar gegen jede Art von aktiver Toetungshilfe und fuer eine dem Sterbeprozess Raum gebende krea(k)tive Begleitung. Das Buch beginnt mit Bea, die sich das Leben nahm, weil sie mit dem Tod ihres Vaters, der sich in den Niederlanden euthanasieren ließ, nicht fertig wurde. "Es gibt keinen Trost, kein Verzeihen, nicht in dieser Welt. Ich kann so nicht mehr leben." (14) Fuer Karin E. Leiter wird mit Beas Abschiedsbrief deutlich: "Die Niederlande waren laengst nicht mehr 'weit' weg. Es war und ist keinesfalls egal, was dort geduldet und seit 10. April 2001 legalisiert worden ist. Das ist nicht einfach 'Laendersache', das ist wohl eine der groeßten Fragen an die Menschheit!" (14) Unter dieser Praemisse schreibt sie ihr Buch, erzaehlt von Sterbenden und Begleitenden und mit ihnen immer auch ein Stueck ihrer eigenen Geschichte. Sie prangert die "Sprachschlampigkeit" in der Debatte um aktive Sterbehilfe an, die "ohne Zweifel einer der Hauptgruende fuer Mißverstaendnisse, Verwirrungen und damit fuer mangelnde Bewußtseindbildung" ist (46). Aktive Sterbehilfe meint Toetungshilfe, denn: "Ein sterbender Mensch ist ein lebender Mensch und es geht darum, diesen Menschen zu toeten! Das verwendete Mittel wird nicht mit dem Ziel der Leidenslinderung eingesetzt, sondern mit dem Ziel, den Tod herbeizufuehren. ... Hier ... beseitigen sie den Leidenden und nicht das Leiden!" (46) Oft werden betroffene Patienten und Angehoerige auch nicht ausreichend, zum Teil auch falsch ueber ihre Krankheit und ihren Verlauf informiert und moegliche alternative Behandlungsmethoden - meist aus Unkenntnis - verschwiegen. Hier geht es Karin E. Leiter vor allem um die Moeglichkeiten, die Palliativ-Care bietet, eine Behandlungsmethode, die durch eine ganzheitliche (Schmerz-)Therapie die Situation der leidenden Menschen bessern, ihre Angst vor dem Endstadium nehmen und so dem Sterben als bewusstem Lebensprozess neuen Raum geben will. Es geht darum, "mit allen Moeglichkeiten moderner Palliativmedizin und der gesamten Palliativ-Care das Leiden auf allen Ebenen zu lindern. Es geht nicht nur um koerperliche, sondern auch um psychische, soziale und spirituelle Schmerzen." (53) Diesem Anliegen widmet sich die Hospizbewegung. Warum allerdings (scheinbar) immer mehr Menschen der aktiven Sterbehilfe zustimmen, liegt nach Meinung Karin E. Leiters am "zunehmenden Solidaritaetsverlust unserer Uberflußgesellschaft." (70) In einer Leistungsgesellschaft werden kranke und aeltere Menschen immer haeufiger mit einem Rechtfertigungsdruck bezueglich ihres Daseins konfrontiert: "Habe ich das Recht, am Leben zu bleiben, sogar Last zu sein, Pflege und Betreuung einzufordern, ein 'finanzieller Minusposten' familiaer, gesellschaftlich und wirtschaftlich zu sein? Alle warten auf meinen Tod, darf ich dann noch leben? Erwarten sie meinen Tod? Oder erwarten sie, daß ich Schluß mache?" (71) Die Autorin macht dagegen klar: "Die Betreuung schwerstkranker, sterbender, alter und chronisch kranker Menschen ist keine gnadenhafte Alomosenverteilung, sondern Bringschuld der menschlichen Gesellschaft an sich selbst und damit politische Verpflichtung ersten Ranges!" (55) Auch das Argument der Selbstbestimmung laesst sie deshalb nicht gelten: "Selbstbestimmung bedeutet nicht, die Wahl treffen zu muessen zwischen unzumutbaren Lebensbedingungen und 'tot sein duerfen'! Selbstbestimmung bedeutet, zwischen akzeptablen und verfuegbaren Moeglichkeiten waehlen zu koennen!" (72) Also: Solidaritaet statt Utilitarismus ist gefragt! Dem Sterben Raum zu geben heißt aber auch, unnoetige, das Leben und Leiden kuenstlich verlaengernde kurative Maßnahmen bis zum (dann bitteren) Ende durchzuhalten. "Es ist ein ganz klarer Unterschied zwischen Euthanasie und dem Unterlassen weiterer kurativer Maßnahmen bzw. dem Zulassen eines fortschreitenden Sterbeprozesses unter begleitenden Hilfestellungen." (83) Karin E. Leiter fuehrt dazu den Juristen Jochen Taupitz an, der forderte: "'Wir duerfen nicht fragen, ob wir aufhoeren durfen, wir muessen fragen, ob wir weitermachen duerfen!'" (100) Sensibilitaet fuer den gekommenen Zeitpunkt des Gehenlassens - das fehlt in den vor moderner hochtechnisierter Apparatur strotzenden Intensivstationen unserer Krankenhaeuser. Ihre Alternative: "Sinnorientierte Medizin und Pflege" (254). Das bedeutet eine umfassende, ganzheitliche und auf den/die einzelne/n PantientIn eingestellte intensive Begleitung, die Vorurteile und Aengste der Begleitenden mit einbezieht: "Es ist wichtig geworden, die Lebenswelt eines kranken Menschen kennenlernen zu wollen, sie vielleicht nur zu erahnen, seine Sprache zu lernen, seine Fußspuren zu sehen, in dieser Schrittlaenge ein Stueck weit zu gehen und dabei auch den Mut zu haben, die eigenen Rhythmen zu fuehlen, Grenzen und Moeglichkeiten zu erkennen und letztlich auch eigenen Aengsten begegnen zu koennen." (260) Dazu will Karin E. Leiter ermutigen und Moeglichkeiten aufzeigen, diesen Weg zu gehen. Das Buch ist keine leichte Kost (das ist bei dem Thema auch nicht zu erwarten). Trotzdem liest es sich leicht, denn es ist nicht nur fluessig geschrieben, sondern spiegelt ganz die Erlebnis- und Gefuehlswelt der Autorin wieder - was in diesem Fall eindeutig ein Gewinn ist! Auch wenn und gerade weil manche Pointierung und Zuspitzung zynisch klingt und provozierend wirkt. (Das gilt vor allem fuer die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinem Menschenbild, das zur Euthanasie geradezu einlud: "Es stehen heute mehr Wissenschaftler (vor allem BiologInnen und BioethikerInnen) der Gedankenwelt des Nationalsozialismus naeher, als sie selbst offenbar glauben!" (219). Auch vor theologischen und philosophischen Honoratioren macht ihre Kritik nicht halt: "Ich wage es, Hans Kueng und Walter Jens weniger ihre Sprachschlampigkeit, offensichtlich mangelnde Recherche und geradezu dilettantische Engfuehrung anzulasten, als daß ich ihnen beiden Angst attestiere! ... Nicht, weil sie fuer aktive Euthanasie eintreten, sondern weil sie auf dem Niveau eines billigen Boulevardjournalismus Argumentationsgirlanden geknuepft haben, spreche ich Hans Kueng und Walter Jens ihre Kompetenz zu diesem Thema ab!" (57)) Letztendlich beruht die Ueberzeugungskraft des Buches weniger auf den wissenschaftlichen Dokumentationen, Zahlen und Fakten, die es auch bietet, sondern vielmehr auf der Person Karin E. Leiters selbst: Sie weiß, wovon sie spricht, sie ist im wahrsten Sinne des Wortes "kompetent" (zustaendig) fuer diesen aeußerts schwierigen Themenkomplex - eben weil sie Betroffene ist: als im Sterbeprozess Begleitende und Begleitete! Nicht nur wegen seiner Aktualitaet sollte das Buch gelesen werden. Es regt dazu an, sich dem Thema "Sterbehilfe" in all seinen Formen und Schattierungen zu stellen und Position zu beziehen - und das nicht aus einer philosophischen Distanz heraus, sondern in Tuchfuehlung mit den Menschen, die auf ihrem Lebensweg des Sterbens Hilfe und Begleitung noetig haben. [Andreas Reinhold] |