Zur Euthanasie


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Rezension von Stefan Wedra für "Dolomiten" (Tageszeitung Südtirol)

(K)eine Zeit zum Sterben - Euthanasie Problem oder Lösung? Von Karin E. Leiter

Euthanasie - Der Gnadentod. Ein Weg zur Beendigung unerträglicher Leiden von Schwerkranken, die keine Aussicht auf Heilung mehr haben? Viele, die danach gefragt werden, beantworten diese Frage spontan mit ja. Besser tot sein, als leiden und außerdem: Sterben tun ja immer nur die anderen. Dabei werden die heute tabuisierten Grundfragen menschlichen Lebens gleich wieder begraben, der Umgang mit Leiden, Sterben und Tod. Wer denkt schon gerne selbst darüber nach, dass er selbst unheilbar krank werden könnte. Dann schon lieber gleich tot sein.

Karin Leiter, Schriftstellerin, Krankenschwester, alt-katholische Priesterin wurde vor 14 Jahren selbst damit konfrontiert, unheilbar krank zu sein. Sie setzt sich aus dieser Lebenserfahrung heraus mit dem Thema Euthanasie auseinander. Aus ihrer Krankheit und umfassenden Ausbildung heraus qualifizierte sie sich zur Expertin für Palliativpflege und Sterbebegleitung und ist Mitbegründerin der österreichischen Hospizbewegung. Palliativpflege bedeutet die Gewährleistung der Lebensqualität von unheilbar Kranken durch Symptomlinderung, Schmerztherapie, menschliche und seelsorgerliche Begleitung. Karin Leiter beschäftigt sich seit 25 Jahren mit der Problematik und wurde von der jugendlichen Befürworterin zur betroffenen Gegnerin der Euthanasie.

Ihre Stellungnahme zur Euthanasie ist klar: Euthanasie ist die Tötung von Menschen, denen das Leben durch soziale Isolation, unzureichende Betreuung und Pflege, Angst vor Leiden unerträglich wurde. Doch ist es nicht immer nur das Leiden und die Hoffnungslosigkeit der Kranken, die den Wunsch nach einem schnellen Ende wachsen lassen. Euthanasie hat auch eine Auswirkung auf das Sozialbudget. Ist es denn nicht billiger einen Pflegefall "einzuschläfern", anstatt ihn mit aufwändigen Pflegemaßnahmen bei Lebenslaune zu halten?

Erschreckend, welch anderes Bild sie von der Praxis der Euthanasie in den Niederlanden zeichnet. Die Patienten, die um Euthanasie ansuchen, werden, so ihr Vorwurf, von ihren Ärzten unzureichend beraten und betreut. In den Niederlanden ist die Praxis der effizienten Schmerztherapie rückläufig. Zwar müssen immer zwei Ärzte darüber entscheiden, ob ein Patient "eingeschläfert" werden darf. Aber die Qualifikation der Ärzte ist nicht vorgeschrieben. So kann der überforderte Hausarzt auch einen Augenarzt, Zahnarzt oder gar Pathologen mit hinzuziehen, der in der Regel lediglich die Zustimmung des Patienten abfragt, nicht aber Alternativen zur Tötung betrachtet. Über die anschließenden Schuldgefühle der Familie berichtet niemand. Der gründlich recherchierte Vorwurf Karin Leiters an die niederländische Praxis ist ungeschminkt: Man löst nicht die Probleme Schwerkranker, sondern sieht diese als Problem und beseitigt sie. Karin Leiter zitiert den sogenannten Remmeling-Bericht, der aufführt, dass auch dann Patienten durch Unterlassung medizinischer Maßnahmen oder auch aktiv getötet wurden und werden, wenn sie es nicht ausdrücklich wünschten. Die Hemmschwelle zu euthanasieren sinkt bei den Ärzten ständig, wobei die Zeit zur Umsetzung des Tötungswunsches rapide sinkt: 15 % der Patienten werden am gleichen Tag getötet, an dem sie den Todeswunsch das erste Mal geäußert haben. Aidspatienten wird bei Feststellung der Diagnose gleich eine Liste tötungswilliger Ärzte ausgehändigt. Auch psychisch Kranke ohne Rehabilitation wurden bereits euthanasiert. Durch diese Praxis wird das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient fundamental in Frage gestellt: Wie kann man sich als Behinderter oder Schwerkranker in den Niederlanden noch an einen Arzt wenden, ohne sicher zu sein, gegen seinen Willen von den Qualen "erlöst" zu werden?

Karin Leiter geht auch auf die Situation in der Schweiz und in Deutschland ein. In der Schweiz sterben mittlerweile mehr Menschen durch Selbstmord als durch Verkehrsunfälle. Zwischen den Ländern ist ein makabrer Wettbewerb entstanden. Wer tötet auf die humanste Weise? In den Niederlanden tötet man durch Curare nach vorheriger Ruhigstellung des Patienten: der Patient stirbt einen Erstickungstod. In der Schweiz raten Organisationen wie "Exit" bei der Suizidhilfe zu einem Schlafmittelcocktail. In Deutschland rät die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben zu Zyankali: Wohl auch eine qualvolle Alternative.

Welche Alternative bietet Karin Leiter? Ihre Vision heißt "SoMuP": Sinnorientierte Medizin und Pflege. Sterben gehört zum Leben und keine Situation ist so schlimm, dass sie nicht verbessert werden könnte. Sterbebegleitung bedeutet Lebensbegleitung und dazu sind Schmerztherapie und psychosoziale Betreuung der betroffenen Menschen, deren Familie und Freunde erforderlich. Das Buch enthält neben einem profunden Überblick über Schmerztherapie eine Reihe von Fallbeispielen, wie Palliativpflege von Statten geht. Geradezu humorvoll und lebensfroh sind diese beschrieben: Leiden und Sterben verlieren ihren Schrecken, wenn der Tod akzeptiert wird. Die Zeit bis dahin ist aber Lebenszeit.

Dieses Buch ist mehr als eine Stellungnahme gegen Euthanasie. Es ist ein gründlich recherchiertes Kompendium der Palliativpflege mit einer reichhaltigen Dokumentation und Unterrichtsmaterial für die Ausbildung von Pflegekräften. Man findet genau so den Text des niederländischen Euthanasiegesetzes wie das Stufenschema zur Schmerztherapie der Weltgesundheitsorganisation. Das Buch bietet einen Beitrag zur ethischen Diskussion, eine Schilderung der Praxis im Umgang mit Schwerkranken und Hinweise zur Hilfe bei der Lebensbegleitung Schwerkranker. Dieses Buch ist nicht nur für Ärzte und Pflegekräfte, die Umgang mit Schwerkranken haben, eine sehr zu empfehlende Lektüre, sondern es geht jeden an. Denn mit dem Sterben sind und werden wir alle konfrontiert. Die Diskussion rund um Euthanasie ist in einer fast blindwütig leistungsorientierten Gesellschaft gefährlich und wird lauter. Umso wichtiger sind solche Zeugnisse.


Stefan Wedra