Zur Euthanasie


zurück


Vorwort von Justizministerin Dr. Herta Däubler-Gmelin, Deutschland

Wer über Sterbehilfe und Sterbebegleitung nachdenkt, stösst auf sehr grundsätzliche Fragen: Wie kann die Würde der Menschen auch in der letzten Phase ihres Lebens gewahrt werden? Wie verhalten sich das Selbstbestimmungsrecht des Patienten und die Verpflichtung des Arztes, Leben zu schüt-zen und zu helfen, zueinander? Welches Bild vom Menschen haben wir, dem Jugendlichkeit und Leistungsfähigkeit so viel bedeuten? Was muss sich ändern in unseren westlichen Ge-sellschaften, die sich auf der einen Seite über den Fernseh-bildschirm täglich den Tod in die Wohnzimmer holen und ihn auf der anderen Seite aus dem Leben verdrängen und ihn abschieben in Krankenhäuser und Pflegeheime?

Wer über Sterbehilfe und Sterbebegleitung nachdenkt, trifft sofort auf ganz konkrete Menschen und ihre ganz persönli-chen Lebensschicksale: auf Menschen wie Tascha, die zu-nächst keinen Ausweg außer dem sieht, als um ihre Tötung zu bitten, weil sie nur die Alternative Erstickungstod oder Beatmungsmaschine vor sich sieht; die dann aber eine gute Palliativtherapie erhält und gerne vom Sterbebett aus noch den Geburtstag ihrer Mutter mitfeiert; oder auf den 87jährigen todkranken Paul, der erst sterben kann, als er Er-nestine, seine Frau, gut versorgt weiß. Es geht um Menschen wie Marius, der sich so sehr wünscht, vor dem Tod noch einmal den Mond zu sehen - seit 3 Jahren liegt er im Bett und hat den Himmel seither nicht mehr gesehen; und um eine Frau wie Bea, die sich das Leben nimmt, weil sie nicht ver-kraften kann, die von ihrem Vater gewünschte und in den Niederlanden durchgeführte Euthanasie nicht verhindert zu haben.

Von all diesen Menschen und noch von vielen anderen er-zählt Karin Leiter in ihrem Buch. Sie macht es damit und mit ihrer gelegentlich bewusst holzschnittartigen Vorgehensweise ihren Leserinnen und Lesern leicht, Zugang zu dem Thema zu gewinnen, das für die Autorin seit langem zum Lebens-thema geworden ist und das keinen von uns unberührt lassen kann, denn auch wir müssen einmal sterben - und jeder hat Angst davor, unter Schmerzen, vereinsamt und in unwürdi-gen Umständen den letzten Abschnitt seines Lebens verbrin-gen zu müssen. Dass es über lange Jahre Gründe für diese Angst gab, zeigen die Erfahrungen, die Karin Leiter aus ihrer Arbeit als Krankenschwester berichtet: Immer wieder wurden Betten der Sterbenden auf die Flure oder in abgelegene Kammern geschoben, eine ausreichende Versorgung mit schmerzstillenden Medikamenten wurde verweigert, Angehö-rige durften die letzten Stunden nicht mit ihren Lieben verbringen. Es berührt tief, diese Berichte zu lesen. Gut, dass sich da in den letzten Jahren in Deutschland, aber auch in Österreich einiges getan hat! Die Palliativmedizin ist mittler-weile anerkannt, die Ärzteschaft und die Pflegenden befassen sich zunehmend mit der Frage, wie die Wünsche und Bedürf-nisse von sterbenden Menschen wahrgenommen werden können und wie ihnen Linderung verschafft werden kann.

Dies ist in besonderer Weise ein Verdienst der Hospizbewe-gung, dieser "Bewegung der Menschlichkeit", wie Karin Lei-ter es formuliert und eindrucksvoll darstellt. Sie zeigt aber auch mit großem Nachdruck, der auch vor polemischem Klang nicht zurückscheut, auf, wie viel noch zu tun bleibt, um allen Menschen ein Sterben in Würde zu ermöglichen. Immer noch gibt es viel zu wenig ambulante und stationäre Hospizdienste, wissen Ärztinnen und Ärzte nicht, dass die meisten Symptome, die das Sterben so qualvoll machen, zu-mindest gelindert werden können, verstehen sich die oft über-lasteten Pflegenden nicht auf die besonderen Formen der Kommunikation mit todkranken Menschen. Zu Recht weist Frau Leiter, die sich ausführlich mit der Situation in den Nie-derlanden sowie der Schweiz und den Befürwortern einer aktiven Sterbehilfe auseinandersetzt, darauf hin, dass die "Aus-Flucht in die Euthanasie" nur zu einem Teil aus der Angst vor der Maximalmedizin herrührt, sondern vor allem "aus einem zunehmenden Solidaritätsverlust unserer Über-flussgesellschaft". Euthanasie, so betont sie, hat weniger mit Machbarkeit zu tun als mit unserem Menschenbild.

Deshalb wirbt sie - und das geht uns alle an - mit Recht für eine professionelle, hoch qualifizierte Palliativmedizin und -pflege, für Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten, mit denen jeder sein Selbstbestimmungsrecht sichern kann, und für eine menschliche und solidarische Gesellschaft, denn: "Die Betreuung und Begleitung schwerstkranker, sterbender, alter und chronisch kranker Menschen ist keine gnädige Al-mosenverteilung, sondern eine Bringschuld der menschlichen Gesellschaft an sich selbst und damit eine politische Ver-pflichtung ersten Ranges!"


Dr. Herta Däubler-Gmelin