Gebete
und Liturgie

Krankenpastoral


DER BAUM

Kreuz-Weg

 

I. Das Urteil

Dort, wo der Schatten meiner Krone endet,
haben sie den Dornbusch ausgerissen.
Er wird Ihm zur Krone, tief ins Fleisch gebunden.
Kein Windhauch bewegt auch nur ein Blatt meines Wipfels.
Kein Käfer klettert über meine Rinde.Der Himmel ist weiß und leer...
Plötzlich fährt die Axt mir ins Holz.
Schlag auf Schlag reißt sie mich von den Wurzeln.
Kein Halt mehr. Ich falle in den heißen Sand.
Zweige und Äste werden zerschlagen.
Die Rinde von meinem Holz gelöst.
Behauen und zu Balken zerteilt liege ich nackt im Staub.
Kein Vogel weit und breit, der für mich schreien könnte.
Eine Schüssel mit Wasser
kippt über meine wunden Kanten.

 

II. Der Kreuzweg beginnt

Ich werde Ihm auf die Schultern geworfen.
Er schwankt unter meiner Last.
Sein zerfetzter Rücken drückt sich in mein zerfetztes Holz.
Sein Blut sickert in meine Wunden.
Er umfaßt meine rohen Kanten und trägt mich mit letzter Kraft.
Ich bin schwer.
Aber ich bin Ihm aufgeladen und Er trägt mich schweigend.
Seine Hände sind weich und halten mich doch fest.
Ich fühle ihre Wärme und eine seltsame Kraft steigt in mir auf.
Unser Weg wird immer steiler und steiniger.
Seine wunden Füße tasten sich langsam voran.
Auf den Kieseln bleiben Tropfen von Schweiß und Blut zurück.
Immer tiefer knickt Er unter mir ein.
Alles um uns verschwimmt.
Nur das Stück Weg ist da -
bis in den kleinsten Stein deutlich sichtbar.
Die Augen zum Himmel zu erheben,
dazu hat Er nicht mehr die Kraft.
Ich drücke lhn nieder. Aber Er läßt mich nicht los.
Trotz allem nicht.

 

III. Der erste Sturz

Er wurde mit mir beladen, hat meine Last aufgenommen.
Und Er hat sich mit mir übernommen.
Mit einem leisen Aufschrei bricht Er zusammen.
Ich liege mit Ihm auf dem Weg - unserem Weg.
Seine Hände umklammern mich, suchen Halt.
Seine Finger tasten zittrig über meine Kanten.
Peitschen schlagen auf uns ein.
Ich kann einige Schläge auffangen,
obwohl ich ihnen lieber ausweichen würde.
Sein zerschundener Rücken windet sich.
Schwankend kommt Er auf die Knie.
Unendlich langsam zieht Er sich schließlich hoch.
Seine Knie brechen wieder ein.
Er umfasst mich mit den Armen,
zieht mich ganz an sich heran und wankt in den ersten Schritt.
Ich schleife am Steinweg neben Ihm her.
Jede Unebenheit schlägt sich in Seine und meine Wunden.
Mit größter Anstrengung greift Er noch einmal neu in mein Holz,
um mich wieder besser tragen zu können.
Der Weg ist steil und staubig und unendlich lang.

 

IV. Die Mutter

Mirjam steht plötzlich fast im Weg.
Ihre Augen begegnen den Seinen.
Sie ist tief verletzt - so wie Er und ich.
Ihr Schrei ist auch verstummt.
Ihre Hände strecken sich hilflos ins Leere.
Sie kann Ihm nicht helfen.
Sie darf Ihn nicht einmal berühren.
In diesem einen Augen-blick sind wir miteinander verbunden,
Er, Seine Mutter und ich, Seine Last, Sein Kreuz.
Wir stehen mitten im Schmerz und sind in uns allein.
Unser Bund ist jetzt besiegelt.
Durch Sein Blut, ihre Tränen und meine Späne.
Die Begegnung tut weh. Sie erleichtert nichts.
Die Sorge um den anderen schlägt eine neue Wunde tief ins Fleisch.
Ein Wort bleibt beiden auf den Lippen hängen,
kann das Schweigen nicht überwinden.
Der Atem setzt kurz aus, ein Herzschlag fehlt.
Mir bricht ein Stück Holz von der Kante.
Er setzt wieder einen Fuß vor, tastet sich weiter.
Und ich liege immer noch auf Seinen Schultern.

 

V. Simon

Simon wird herangeholt.
Ich werde auf seine Schulter geladen.
Ein Stück weit trägt nun er mich.
Wenn auch nicht so ganz freiwillig.
Aber ich kann das gut verstehen.
Ich bin belastend und erdrückend.
Wer schleppt sich schon gerne mit fremder Last ab?
Nur ein Stück weit.
Das hilft Ihm aber, unseren Weg weiterzugehen .
Er ist am Ende Seiner Kraft.
Selbst ohne mich taumelt und stolpert Er.
Simon könnte mich ja für den Rest Weges übernehmen.
Aber obwohl er gesund und stark ist, schafft er es nur ein kleines Stück.
Gerade so weit daß sich mein Kreuzträger etwas erholt.
Sein Blut auf meinem Holz hinterläßt Spuren auf Simons Kleid.
Ob er es wohl gleich ausziehen und waschen wird --
oder ob er es aufbewahrt, um diese Begegnung nicht zu vergessen?
Vielleicht wirft er es aber auch fort,
weil er nichts mehr damit zu tun haben will, er nur an ein Zwingen erinnert wird...

 

VI. Veronika

Sein Atem geht schwer.
Die Schritte werden immer kleiner.
Ein kurzes Innehalten.
Plötzlich drängt sich Veronika auf den Weg.
Sie reißt ihr Kopftuch herunter
und wischt ihm Blut und Schweiß aus dem Gesicht.
Fast stürzt Er. Zittrig klammern sich seine Hände an mir fest.
Ich keile mich in die Steine hinter ihm.
Einen Augenblick treffen sich diese zwei Augenpaare.
Schweigend und voll Schmerz.
Noch einmal möchte sie mit ihrem Tuch Sein Gesicht reinigen.
Aber da schlägt ein Soldat auf Ihn ein
und drängt die Frau zurück an den Wegrand.
Seine Füße sind von den spitzen Steinen aufgerissen,
und hinter uns zieht eine immer breiter werdende Blutspur ihre Bahn.
Die Sonne brennt, als wäre sie auf die Erde gestürzt.
Mein Holz wirft sich ausgetrocknet in Spänen auf.
Sie dringen tief in Seine Wunden.
Sein Blut verklebt sich immer mehr
mit Staub und Schweiß und meinen Fasern.
Der Weg wird immer steiler.

 

VII. Der zweite Sturz

Ich bin eine schwere Last.
Und mit jedem Schritt werde ich schwerer für Ihn.
Jetzt kann Er Seinen Fuß nicht mehr vom Boden wegkriegen.
Seine Knie zittern - und brechen ein.
Lautlos stürzt Er zu Boden.
Seine Hände lösen sich nicht mehr von mir, um den Sturz abzufangen.
Er hält mich fest.
Ich drücke Ihn in den Staub, werfe Ihn zwischen die Steine und mich.
Die Zeit steht still. Sein Atem schweigt
Der Himmel scheint zu brennen.
Ich spüre keine Bewegung mehr unter mir.
Plötzlich saust eine Peitsche auf mich nieder.
Sie zerfetzt ein Stück meiner Kante und Seiner Hand.
Wieder quillt Blut auf mein Holz.
Die Riemen surren kurz durch die Luft und reißen Seinen Rücken weiter auf.
Ein Hautfetzen bleibt an mir kleben. Er versucht aufzustehen.
Unter neuerlichen Schlägen versucht Er es immer und immer wieder.
Aber ich drücke Ihn nieder.
Endlich kommt Er auf die Knie,
faßt mich neu und zieht sich schließlich doch hoch.
Er taumelt weiter.
Ich hänge halb auf Seinen Schultern, halb am Boden.
Aber Er läßt mich nicht fallen. Wie weit denn noch?!

 

VIII. Tränen

Da stehen Frauen am Weg und weinen.
Sie klagen laut über das Leid, das hier vorbeikommt.
Sie sehen nicht, mit welcher Liebe Er mich trägt.
Trotz allem und immer noch.
Sie weinen in ihrer eigenen Ohnmacht.
Ihre Resignation und Kraftlosigkeit weist Er zurück.
Sie vertrauen Seinem Weg nicht.
Deshalb kann Er sie auch nicht trösten.
Sie sehen nur Seinen Schmerz und nicht, daß Er mich damit trägt.
Mit mir hat Er auch ihre Tränen aufgeladen.
Was soll Er mehr tun?
Ihr Glaube ist klein und zaghaft.
Sie können uns nicht in die Augen schauen,
sie ertragen es nicht.
Und damit können sie ihm nicht helfen und mich nicht
leichter machen für Ihn. Ihr Selbstmitleid macht sie blind für Seine Liebe und die Herausforderung zum Vertrauen auf Gott...

 

IX. Der dritte Sturz

Sein Atem preßt immer mehr.
Es ist eine Qual - eine einzige Qual!
Die blutigen Rinnsale zwischen den Dornen verkleben Ihm die Lider.
Er versucht, mit der Hand Seine Augen abzuwischen - und kann mein Gewicht mit der anderen nicht mehr halten.
Ich knalle in den Stein.
Er stürzt auf mich. Sein Herz zerreißt Ihm die Brust.
Jeder Schlag trommelt in mich hinein.
Steinspitzen bohren sich in mein Holz.
Er versucht, sich hochzustemmen.
Die Arme brechen wieder ein.
Dann erschlafft Sein zerfetzter Körper.
Peitschenhiebe, die Luft surrt und knallt.
Ein heftiges Zucken und Zittern durchbebt Ihn.
Sein Schrei bleibt nur ein kraftloses Stöhnen.
Soldaten reißen ihn und mich hoch.
Sie lassen mich wieder auf Seinen Rücken prallen.
Neue Striemen spritzen ihr Blut in die Späne,
und Steine, die sich in mich verkeilt haben, dringen in Sein Fleisch.
Er sinkt erneut ein, wankt - ein Schilfrohr im Wind.
Seine Hände umklammern mich wie ein einziger Aufschrei.
Bebend zieht Er mich weiter. Der Berg ist so unsagbar steil...

 

X. Nackt

Die Höhe ist erreicht.
Er bricht in die Knie, ich falle Ihm aus der Hand.
Hände packen mich und zerren mich zu Seite.
Dann reißen sie Ihm die verklebten Kleider vom Leib.
Alle Wunden brechen neu auf
und bluten sich über den letzten Fetzen Haut aus.
Offenes Fleisch quillt hervor, da und dort hat Er Löcher.
Bis auf die Knochen ist Er geprügelt.
Keine Bewegung ist mehr in Ihm.
Er kniet im steinigen Sand.
Blutverkrustete Haare bedecken das verquollene Gesicht.
Alle Stimmen ringsum verhallen.
Die Zeit setzt einen ewigen Moment lang aus.
Aber ein Stockhieb bringt den Lärm schlag-artig zurück.
Soldaten stoßen Ihn auf. Grobe Arme reißen Ihn hoch.
Nackt steht Er da, nicht einmal mehr Haut bedeckt Ihn.

 

XI. Ans Kreuz

Die Soldaten werfen Ihn zu Boden.
Jetzt liegt Er auf mir.
Sie reißen Ihm die Arme auseinander, schlagen Ihn mit Nägeln an mich.
Er schreit erstickt auf.
Der Atem rast in Stößen über mir.
Die Nägel dringen durch Sein Fleisch in mein Holz.
Meine Fasern bersten, wollen sich spalten, ziehen, brennen.
Splitter verkeilen sich, die Nägel glühen in ihren Spitzen tief in mir.
Wir sind eins geworden. Ich ein Stück von Ihm. Er ein Stück von mir.
Wir werden hochgezogen.
Mit einem Ruck falle ich in die Verankerung und Er vorne über.
Es reißt Ihn fast von mir ab, aber jetzt bin ich es, der Ihn zu tragen hat.
Wir sind im Leiden eins.
Nichts mehr verbindet uns mit der Welt -
und noch nichts mit dem Himmel.
An meinem Fuß stehen einige Menschen.
Ihr Weinen ist sprachlos.
Sie sind unerreichbar und hilflos.
Sein Stöhnen hören sie nicht.
Seine geflüsterten Worte können sie nur erahnen.
Langsam wird Sein Brustkorb lahm, verhindert immer mehr Sein Atmen.
Ich kann nicht helfen. Nur da sein!
So weit hat Er mich getragen, jetzt darf ich Ihn tragen.
Es wird Nacht an diesem Tag.

 

XII. Der Tod

Der Sturm heult.
Der Himmel fällt auf die Erde.
In diesem Moment schreit Er auf,
brüllt mit dem letzten Atemzug allen Schmerz und alle Not aus sich heraus.
Sein Körper stemmt sich noch einmal gegen die Nägel
und bricht endgültig zusammen.
Mich reißt Sein Gewicht nach vorne, aber die Verankerung hält.
Die Nägel zerren in meinem Holz.
Regen drischt Sein Blut an meinen Stamm
und über mich rinnt es in den Boden unter uns.
Kein anderer Laut mehr als die Natur um uns.
Sie schreit auf im Echo Seines letzten Schreis,
sie bricht auseinander über Seinem Zusammenbruch,
sie wirft ihren Atem in Seinen Tod.
Der Himmel sinkt in die Erde,
damit sie nicht stirbt in diesem Augenblick der Trauer.

 

XIII. Pieta

Wir sind getrennt worden.
An mich gelehnt, kauert Mirjam und hält Seinen Kopf in ihrem Schoß.
Ihr Oberkörper wiegt leicht hin und her.
Monoton und unablässig.
Alles ist still.
Auch der Himmel hat sein Schreien beendet.
Ein kaltes Licht hängt über uns.
Die Luft hält den Atem an.
Vollgesogen mit Blut und Regen stehe ich auf dem Berg.
Bleiern umhüllt mich unsagbare Trauer.
Wie anders ist unser Beisammensein jetzt!
Wohl genauso schweigend und voll Schmerz wie am Weg vorhin.
Aber jetzt ist jeder von uns nicht nur allein, sondern einsam.
Alles tut nur noch weh,
und doch ist es kein Sturm voll Schmerz mehr, kein Kampf.
In einer ohnmächtigen Stille bricht Frieden auf. Ganz sanft, kaum spürbar.
Ich fühle ihn aber doch durchs Holz fahren.
Immer deutlicher.

 

XIV. Das Grab

Ich bin allein.
Sie haben Ihn fortgetragen von mir.
Auch fort von Mirjam.
Irgendwo dort unten vor der Stadt ist Sein Grab.
Langsam trocknet mein Holz in der Sonne.
Der Nachttau schließt meine Kerben und füllt die Nagelwunden kühlend auf
Die Blutspuren verkrusten zu einer neuen Rinde
über meinen zerschundenen Fasern.
Am dritten Tag bricht ein winziger Trieb aus meiner Seite.
An der Spitze ist er weiß wie der Himmel . .

 

XV. Das Leben

Meine Seele preist die Größe des Herrn,
mein Herz jubelt über Christus, den auferstandenen Herrn.
Auf den Schmerz Seiner Magd hat Er geschaut.
Mein Kreuz hat Er auf sich genommen
und mich in Seiner Liebe fröhlich werden lassen.
Denn der Herr hat Großes an mir getan,
ich bin Sein Werkzeug geworden.
Er hat sich meiner erbarmt und mich in Seine Arme genommen.
In Seinen Armen hält Er mich fest
und läßt kein Unheil an mir geschehen.
Er hat mich aufgerichtet
und mich gerufen, Ihm zu folgen.
Er ist mir Speise und Trank,
ist mir Kraft und Zuversicht.
Er nimmt sich Seiner Magd an und umfängt sie mit Liebe.
Seine Liebe ist die Lebendigkeit, die Er verheißen hat
in Seinem Leben auf ewig.

(aus K.E.Leiter "Tanzendes Kreuz", Tyrolia)